"Schlaraffenband Ruhr": ess- und trinkbare Radwege für das Ruhrgebiet

Schlaraffenband Ruhr:
ess- und trinkbare Radwege für
das Ruhrgebiet

Nachhaltigkeit liegt im Trend. Gerade im Zuge des Klimawandels wird es immer wichtiger, langfristige Lösungen umzusetzen. Auch hier bei uns im Ruhrgebiet existieren hierzu viele neue Ideen. lala.ruhr unterstützt das neue Projekt der Ernährungsräte der Städte Bochum, Dortmund und Essen und der Initiative “Schwerte pflanzt”: Mit dem “Schlaraffenband Ruhr” sollen entlang der Radwege Emscher-Weg, RuhrtalRadweg und dem zukünftigen Radschnellweg Ruhr (RS1) essbare Wildpflanzen gepflanzt, Naschorte entstehen und Trinkbrunnen installiert werden. Somit kann ein einfacher Zugang zu nachhaltigen und lokalen Lebensmitteln entstehen und gleichzeitig interessantes Wissen über essbare Pflanzen vermittelt werden.

Die Idee verbindet die Attribute essen, vernetzen und nachhaltig sozusagen auf märchenhafte Art und Weise:   “Uns fliegen nicht die Hähnchen in den Mund, aber es kann genascht werden und der Weg von der Pflanze auf den Teller ist sehr kurz.” (Zitat von der EssBO!)

Der Name entstand entsprechend in Anlehnung an den fiktiven, spielerischen Ort “Schlaraffenland” aus vielen früheren Märchen. Das Kettenband steht für die Fahrradwege, die die Region vernetzen. Die Perlen bilden die einzelnen Naschorte. Zusammenfassend: Das Konzept einer erfahrbaren nachhaltigen, ess- und trinkbaren Metropole Ruhr der zukünftigen Gegenwart!

Grüne Infrastruktur rückt im Ruhrgebiet zunehmend in den Fokus: Die zahlreichen Industriegebiete blühen auf und die Anerkennung für die Natur in der Stadt steigt. Die Radwege (RS1), Emscher-Weg und RuhrtalRadweg verbinden die gesamte Metropole Ruhr von West nach Ost auf einer Strecke von ca. 1200 km und schaffen somit umweltfreundliche Vernetzung zwischen den Städten.  An diesen Fahrradstrecken sollen am Wegesrand essbare Wildpflanzen wie z. B. Brombeere, Quitte, Himbeere, Apfel, Thymian, Borretsch und außerdem Trinkwasserbrunnen etabliert werden. Bürger:innen können diese urbanen Nasch-Oasen auch selber pflegen und einen Beitrag zu dem Projekt und zu der Natur in ihrer Umgebung leisten; Stichwort: Pflege durch Partizipation. Denn: Der Sinn für die Herkunft und den Wert guter Nahrungsmittel ging im späten 20. Jahrhundert mehr und mehr verloren und soll durch diese Initiative wieder gestärkt werden. Durch Informationstafeln an den jeweiligen Orten wird die Umweltbildung gestärkt.

Die Überzeugung der Initiator:innen: Mit der Umsetzung des Schlaraffenbandes Ruhr wird städtisches Grün gefördert, nachhaltige Stadtplanung und Verkehr gestärkt sowie Artenvielfalt und Biodiversität geschaffen. Erste Orte als Pilotprojekte sollen bereits in den nächsten Jahren umgesetzt werden. Bis dahin werden neben den zahlreichen Mitwirkenden noch weitere Unterstützer:innen gesucht, die sich leidenschaftlich mit dem Thema beschäftigen und identifizieren können. Deshalb unterstützen auch wir bei lala.ruhr das Projekt! Also meldet euch bei:

EssBO!
Ernährungsrat Bochum
c/o Griesenbruchstraße 9
44793 Bochum
essbo@ernaehrungsrat-bochum.de
www.ernaehrungsrat-bochum.de

Nur durch Eure Unterstützung kann das Schlaraffenband Ruhr zukünftig bestehen und andere Folgeprojekte anstoßen. Macht mit, esst, trinkt, fahrt Fahrrad, pflegt eure Nahrungsmittel und tretet in regen Austausch mit euren Mitmenschen! 

Das dazugehörige Konzept aller beteiligten Akteur:innen kann hier heruntergeladen werden: Schlaraffenband-Konzept-I06

Autorin: Stephanie Stiehm

lala.ruhr unterstützt das Projekt “Schlaraffenland Ruhr”.


Die Zukunft der Zentren ist grün, inklusiv und produktiv - Dokumentation erschienen!

Zukunft der Zentren: Dokumentation der Kulturkonferenz Ruhr erschienen!

ZUKUNFT DER ZENTREN – KULTURELLE PERSPEKTIVEN FÜR INNENSTÄDTE
Unter diesem Motto stand die Kulturkonferenz 2021 als Format, zu dem der Regionalverband Ruhr (RVR) und das Land NRW jährlich einladen, um der Kulturszene eine Bühne für den regionalen und kulturpolitischen sowie künstlerischen Diskurs zu bieten. Auch lala.ruhr war dabei und ist der Frage aus der Perspektive der urbanen Landschaft in einem eigenen Workshop nachgegangen: Die Zukunft der Zentren ist grün, inklusiv und produktiv.

Die Herner Innenstadt als “Labor für die Landschaft”: Aus unterschiedlichen Blickwinkeln ging der Workshop den grünen Potenzialen des Stadtraums auf den Grund. Das Ziel: eine Aufwertung der Innenstadt, mit besonderem Blick auf Freiräume und Straßen, hin zu einem lebenswerteren Ort. Eine Aufwertung der Innenstadt ist keineswegs ausschließlich an eine Neu- oder Umnutzung von Gebäuden geknüpft. Die Außenräume bieten vielfach Potenziale, machen eine multifunktionale Nutzungebenso möglich wie temporäre Projekte und eine grundsätzliche grüne und an die Folgen des Klimawandels angepasste Stadtentwicklung. Sebastian Schlecht von lala.ruhr: “Wenn es nicht ums Geld geht, sondern um die Qualität der Innenstadt, dann kann ein Parkplatz mehr sein als eine Asphaltfläche und eine Grünfläche mehr als ein gemähter Rasen.” Es gelte, solche Orte als “Chancen” zu sehen und diese gemeinsam mit den Menschen neu oder anders zu gestalten und zu nutzen – “das hat viel mit Lebensqualität und einer lebenswerten Innenstadt zu tun.”

Die Dokumentation der Kulturkonferenz ist jetzt erschienen und kann auf der Website des Regionalverbands Ruhr kostenfrei heruntergeladen und als Printausgabe bestellt werden. 

Die Dokumentation zur Kulturkonferenz Ruhr 2021 mit einem Beitrag von lala.ruhr ist erschienen. ©RVR/Rupert Oberhäuser


Takeover*: Zirkuläres Bauen mit "Abfällen"

Takeover*:
Zirkuläres Bauen
mit "Abfällen"

Wir nähern uns dem Abschluss unseres Reise durch den “Müllkomplex”. Unser letztes Thema: Reboot Architecture – zirkuläres Bauen für eine nachhaltige Zukunft unserer Städte. Denn der Großteil der Umweltkosten eines Gebäudes entfällt auf den Materialverbrauch. Der Bausektor produziert dabei enorm viel unnötig anfallenden Müll. Wäre es da nicht sinnvoll, Materialien zu verwenden, die zwar so robust sind, wie herkömmliche Materialien, die man aber mehrfach verwenden kann? Und lassen sich vielleicht sogar aus “Abfällen” neue Gebäude errichten? Ja – Grundlage hierfür bildet die zirkuläre Kreislaufwirtschaft, die es ermöglicht, den wachsenden Ressourcenbedarf dauerhaft und nachhaltig zu stillen. Denn: Abfall gehört nicht in jedem Fall auf die Mülldeponie. Beispielsweise lassen sich aus alten Holzplatten oder Metallen neue Gebäude gestalten und der Lehm als vielseitigen “Kleber” verwenden. Solche Projekte setzt das “Natural Building Lab” (NBL) um, eine universitäre Einrichtung der Technischen Universität Berlin, Das NBL wurde 2017 als Fachgebiet für “Konstruktives Entwerfen und klimagerechte Architektur” unter der Leitung von Prof. Eike Roswag-Klinge gegründet. 

Das Natural Building Lab agiert als Teil eines transdisziplinären Netzwerks, das Projekte durchführt, die in der Lehre, Forschung und Praxis Anwendung finden. Besonders liegt ihnen die Arbeit mit Studierenden am Herzen. Das Team besteht hauptsächlich aus Architekt:innen, wird aber bei Kooperationen durch Bauingenieur:innen, Grafikbüros, Landschaftsarchitekt:innen und Kommunikationsdesigner:innen erweitert. Bei ihren Projekten sind Naturbaustoffe, Lehm und der urbane Holzbau klar im Fokus. All diese Materialien werden größtenteils von Abrissgebäuden oder Räumen bezogen, denn nichts darf unnötig weggeschmissen werden.

ZU/FLUCHT Freiluftausstellung:

Das Projekt ZU/FLUCHT steht exemplarisch für die die Arbeit des NBL und wurde als Masterentwurf mit 20 Studierenden der TU Berlin durchgeführt. In einer Kooperation mit der Stiftung Exilmuseum Berlin wurden alte Tempohome-Container (Wohnraum für Zufluchtssuchende) umgebaut und -gestaltet, zu einem außergewöhnlichen Entree für das sich in der Entstehung befindliche Exilmuseum. Der frühere Wohnraum wurde durch die vorhandenen Materialien Metalle (besonders Blech), Wolle und verklebte Materialien modifiziert. Das Projekt soll dazu anregen, besonders die Themen der Materialverschwendung und Wiederverwendung im Bausektor diskutieren. Ziel war es, aufzuzeigen, was mit alten Containern passieren kann, die oftmals hergestellt und nach ihrer primären Nutzung nicht weiterverwendet werden. Von Juni – Oktober 2021 konnte die temporäre Freiluftausstellung am Anhalter Bahnhof Berlin begutachtet werden. Die Planung, Konstruktion und Durchführung umfasste 18 Monate und wurde anhand von zwei Semestern an der TU Berlin durchgeführt. 

Gerade in Zeiten der Nachhaltigkeit stoßen solche Projekte auf großes öffentliches Interesse, auch beim Land Berlin. Zirkuläres Bauen liege im Trend und “ich habe das Gefühl, das wird ein bisschen zum neuen Nachhaltig”, sagt Matthew Crabbe, Doktorand am NBL. Die Definition von zirkulärem Bauen laute dabei: Die kreislaufkorrekte Nutzung von Baustoffen und Materialien sowie die Bereitstellung eines langen Lebenszyklus’ derer fördert die Kaskadennutzung. Dabei werden nachwachsende, erneuerbare oder wiederverwendbare Baustoffe benutzt, welche klima- und umweltschonend sind. Die Reduzierung von Abfällen sowie Emissionen stehen klar im Fokus.

Das zirkuläre Bauen wird durch den Ansatz “Cradle to Cradle” (C2C) aus den 1990er-Jahren von Michael Braungart (deutscher Chemiker) und McDonough (US-amerikanischer Architekt) gestützt. Dabei ist von einer durchgängigen und konsequenten Kreislaufwirtschaft die Rede, bei der alle Ressourcen in einem Kreislauf gehalten werden. Die drei Prinzipien von Cradle to Cradle (C2C) sind: Abfall = Nährstoff, oder auch: alles wird als Ressource für etwas anderes konzipiert; Energie aus erneuerbaren Quellen nutzen; Diversität fördern.

Dabei soll die Region Rhein-Ruhr in den nächsten Jahren zu einem weltweiten Zentrum für die Zirkuläre Wertschöpfung („Circular Valley“) werden. Zirkuläre Bauten (Gebäude aus Materialien und Produkten, die nach ihrerer Wiederverwendbarkeit ausgewählt werden) sind in NRW noch nicht weit verbreitet, mit Ausnahme des Kreislaufhauses auf Zollverein in Essen. Das neue zirkuläre Verwaltungsgebäude der RAG-Stiftung und RAG AG liegt auf dem UNESCO-Welterbe Zollverein in Essen. Das Gebäude wurde durch kadawittfeldarchitektur geplant und umgesetzt. Die Materialien wurden nach ihren gesundheitlichen und ökologischen Aspekten sowie der Kreislauffähigkeit ausgewählt. Nach Ende der Lebensdauer des Gebäude soll es als Rohstoffquelle dienen. Auch die Gründächer, die Urban Gardening-Flächen sowie die Tierhabitate sollen für immer beständig bleiben. Außerdem entsteht derzeit in Düsseldorf “The Cradle”, ein siebengeschossiges Holzhybrid-Bürogebäude im Düsseldorfer Medienhafen. Dabei wurde der Carbon-Foodprint schon beim Bau durch den nachwachsenden Rohstoff Holz reduziert. Auch der ökonomische Mehrwert ist durch die Schaffung von Büros gegeben.

Hiermit bedanken wir uns bei der Theaterallianz Mühlheim an der Ruhr für das Takeover ihres Instagram – Kanals! Es hat uns sehr viel Spaß gemacht und wir hoffen, wir konnten den Leser:innen neue Information rund um Abfall und Landschaft nahebringen. Also denkt immer dann reuse, reduse, recycle! Nicht alles was ihr nicht mehr braucht, ist für die Tonne!  😉

Textautorin: Stephanie Stiem

*lala.ruhr übernimmt mit dem takeover im Januar 2022 drei Wochen lang den Instagram-Account von vier.ruhr, der Allianz der Mülheimer Theater. Unser Thema: der Müllkomplex. Wir nehmen euch mit mit auf eine digitale Reise durch die Region und darüber hinaus – an Orte, an denen etwas aus Müll entsteht oder an denen mit dem gearbeitet wird, was wir umgangssprachlich so bezeichnen. Wir laden dazu ein, auch die Stadtlandschaft der Metropole Ruhr zirkulär zu denken und alle Materialien als ein Teil von Kreisläufen zu entdecken. Das Unternehmen HeimatERBE stellen wir vor, da es  sich unter anderem um die Umwandlung von Flächen kümmert, die zuvor in der öffentlichen Wahrnehmung als “nutzlos” angesehen wurden und es Wirtschaftsunternehmen ermöglicht, umweltneutral zu agieren. 

vier.ruhr ist die Theaterallianz von Theater an der Ruhr, Mülheimer Theatertage „Stücke“ und Ringlokschuppen Ruhr. Gefördert im Rahmen von NEUE WEGE durch das Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen in Zusammenarbeit mit dem NRWKULTURsekretariat.

Auf-, bzw. Umbau für die ZU/FLUCHT Freiluftausstellung: Im Rahmen des Projektes erhielten Container, die ursprünglich als Wohnraum für geflüchtete Menschen genutzt wurden, eine neue Bestimmung. 

©Natural Building Lab, Berlin


Takeover* vier.ruhr: das Konzept des Urban Metabolism

takeover*:
Müll in der Wissenschaft -
das Konzept des Urban Metabolism

Jeder Mensch auf der Welt produziert Müll: die Bananenschale als Biomüll, der Handyakku als Elektroschrott, der Karton als Altpapier oder die Plastiktüte als Recyclingprodukt. Gerade in Zeiten der Corona-Pandemie wurde generell viel mehr Müll/Abfall produziert, der noch dazu häufig nur verbrannt werden konnte. Der Grund hierfür: potenziell daran haftende Corona-Viren.

Auch in der Wissenschaft laufen viele Forschungsreihen, die sich mit dem Vermeiden von Müll/Abfall und dem Wiederverwenden von Materialien beschäftigen. Unsere Städte besitzen folglich einen “Urban Metabolism”, auf deutsch “städtischer Stoffwechsel”, der die Umwandlung von Materialien und Energie in einer Stadt bezeichnet.[1]

Geprägt wurde der Begriff von dem deutschen Philosophen und Ökonomen Karl Marx, und zwar bereits im Jahr 1844 in Bezug auf die Umweltsoziologie. Marx machte deutlich, dass wir Menschen von der Natur abhängig sind und sie mit unseren wirtschaftlichen Prozessen schädigen [2]. Das grundsätzliche Konzept des urbanen Metabolismus geht dann den US-amerikanischen Ingenieur Abel Wolman aus dem Jahr 1965 zurück, der zum ersten Mal die Stadt als ein eigenes Ökosystem mit ihren Stoff- und Energieflüssen betrachtet hat [3].

Seit dem 19. Jahrhundert wurden Städte immer wichtiger, weil sie Motor des Wirtschaftswachstums waren und sind. Städte sind ein offenes System, das Energie, Brennstoffe, Rohstoffe, Wasser, Nahrungsmittel und Luft verbraucht. Nach Verwendung dieser Ressourcen entstehen Abfälle, Schadstoffe oder auch Abwässer, sofern sie nicht in Infrastrukturen gebunden werden. Je größer eine Stadt wird – egal ob mit der Erweiterung der Fläche oder der Zunahme von Bevölkerung – desto höher steigt der Bedarf an Ressourcen/Materialien. Durch unterschiedliche Faktoren muss jedoch jede Stadt als Individuum betrachtet werden. Um also den urbanen Metabolismus ermitteln zu können, werden die drei häufigsten Methoden verwendet: Stoffstromanalyse, Adaption des ökologischen Fußabdrucks und Ökobilanz (siehe Blogbeitrag zu HeimatERBE). Dabei geht es immer um die In- und Outputgrößen einer Stadt und das resultierende Ausmaß auf Menschheit und Umwelt.

Um die in Städten entstandenen Probleme zu bewältigen bedarf es Lösungen und realistischer Zielen: effizientere Nutzung lokaler Ressourcen, Verwendung von Recycling-Systemen inkl. Strategien für Abfallvermeidung und -management, Bereitstellung von sauberer Luft und erholungswirksamer Grünflächen, Verringerung der Treibhausgasemissionen und stadtplanerische (Klima-)Anpassungsstrategien. Ebenfalls sollen die riesigen Müllexporte ins Ausland beendet und lokale Recycling- und geschlossene Verbrennungsanlagen verwendet werden. Neue Produktdesigns helfen dabei,wiederverwendbare Materialien attraktiver zu machen.

Vielerorts werden bereits Projekte zum Thema “Müll” in Schulen angesetzt, um das Bewusstsein für “Müll” zu stärken. Egal ob das Aufsammeln von Müll oder die Erlernung von richtiger Mülltrennung, alles hat ein Wirken auf unsere Umwelt. Die dadurch aufgenommen Daten können der Wissenschaft zugutekommen. Durch eine flächendeckende Kartierung können Prozesse zur Müllvermeidung oder Recycling verbessert werden.

Für eine globale Übersicht der unterschiedlichen städtischen Stoffwechselprozesse bietet sich die Plattform “Metabolism of Cities” anSchaut rein, entdeckt und reichert euch Wissen an. Ein weiterer Literatur-Tipp: Die Seite des Formats “Quarks und Co” zum Thema Müll. 

Textautorin: Stephanie Stiehm

lala.ruhr übernimmt mit dem takeover im Januar 2022 drei Wochen lang den Instagram-Account von vier.ruhr, der Allianz der Mülheimer Theater. Unser Thema: der Müllkomplex. Wir nehmen euch mit mit auf eine digitale Reise durch die Region und darüber hinaus – an Orte, an denen etwas aus Müll entsteht oder an denen mit dem gearbeitet wird, was wir umgangssprachlich so bezeichnen. Wir laden dazu ein, auch die Stadtlandschaft der Metropole Ruhr zirkulär zu denken und alle Materialien als ein Teil von Kreisläufen zu entdecken. Das Unternehmen HeimatERBE stellen wir vor, da es  sich unter anderem um die Umwandlung von Flächen kümmert, die zuvor in der öffentlichen Wahrnehmung als “nutzlos” angesehen wurden und es Wirtschaftsunternehmen ermöglicht, umweltneutral zu agieren. 

vier.ruhr ist die Theaterallianz von Theater an der Ruhr, Mülheimer Theatertage „Stücke“ und Ringlokschuppen Ruhr. Gefördert im Rahmen von NEUE WEGE durch das Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen in Zusammenarbeit mit dem NRWKULTURsekretariat.

Quellen:

[1] Oke, T. R.; Mills, G.; Christen, A.; Voogt, J. A. (2017): Urban climates. Cambridge. https://doi.org/10.1017/9781139016476

[2] Bleher, D.; Öko-Institut e.V. (2017): Ressourcenwirkung des urbanen Metabolismus Ergebnisse von AP 1.1 im Rahmen des UFOPLAN Vorhabens FKZ: 3715 75 122 0. Darmstadt.

[3] Sanches, T. L.; Santos Bento, N. V. (2020): Urban Metabolism: A Tool to Accelerate the Transition to a Circular Economy. In: Filho, W. L.; Azul, A. M.; Brandli, L.; Özuyar, P. G.; Wall, T. (Hg.): Sustainable Cities and Communities. 860-867. https://link.springer.com/referenceworkentry/10.1007%2F978-3-319-95717-3_117 

Jeder Mensch auf der Welt produziert Müll: die Bananenschale als Biomüll, der Handyakku als Elektroschrott, der Karton als Altpapier oder die Plastiktüte als Recyclingprodukt. Der Müll ist Teil des “städtischen Stoffwechsels”.

© Broy


Takeover*: HeimatERBE - Artenschutzschmiede für das Ruhrgebiet

Takeover*: HeimatERBE -
Eine Artenschutzschmiede
für das Ruhrgebiet

Urlaubsreisen, exotische Nahrungsmittel und der Kauf von Dingen, die kurz danach in der Zimmerecke verstauben, gehören zu unserem alltäglichen Konsumverhalten. Das wirkt sich negativ auf unsere Umwelt aus: wichtige Ressourcen werden verbraucht, Lebensräume degradiert oder zerstört und das Artensterben nimmt zu. Wie kann also der so verursachte Schaden vermieden und kompensiert werden, um langfristig eine ökologische, umweltgerechte Lebensweise zu erreichen?

lala.ruhr kooperiert mit der Impact Factory, einer Start-up-Plattform für soziales Unternehmertum, und hat sich hierzu mit dem Essener Unternehmen HeimatERBE GmbH ausgetauscht.

Die HeimatERBE GmbH wurde gemeinsam mit dem Schwesterunternehmen greenzero.me 2020 von Dr. Dirk Gratzel gegründet, nachdem dieser es sich selbst zur Aufgabe gemacht hatte all die Umweltschäden, die er in seinem Leben verursacht hat, zu erfassen und auszugleichen. Dazu war er mit zahlreichen Wissenschaftler:innen im Austausch und hat schlussendlich als erster Mensch zusammen mit der TU Berlin und der TU Braunschweig seine vollständige Lebensökobilanz und die sich daraus ergebenden Schäden für die Umwelt ermittelt – das entspricht dem heutigen Tun der greenzero.me. Anschließend hat er mit weiteren Expert:innen u.a. aus den Themenfeldern Forstwissenschaften, Ökologie, Biologie und Naturschutz eine Strategie zur Kompensation der Umweltschäden entwickelt – damit beschäftigt sich nun die HeimatERBE GmbH. Mit Hilfe der beiden Schwesterunternehmen erhalten nun Wirtschaftsunternehmen im B2B-Modell die Möglichkeit, ihre Organisation, ihre Dienstleistung oder ihre Produkte umweltneutral zu stellen.

Mittlerweile umfasst HeimatERBE sieben Mitarbeiter:innen in den Bereichen Ökologie, Ökonomie und Technik. Die Stadt- und Landschaftsökologin Madlen Sprenger (M.Sc.) war bei lala.ruhr zu Gast und hat von der Idee des Unternehmensgrundsatzes von HeimatERBE berichtet. Im Interview mit unserer Praktikantin Stephanie Stiehm wurden die Kompensation von Umweltschäden und das HeimatERBE-Prinzip thematisiert:

Was macht ihr genau bei HeimatERBE? Was ist eure Mission?

Das Ziel von HeimatERBE ist es, negative Umweltauswirkungen zu kompensieren. Hierzu bringen wir aktuell alte Industrieflächen aus dem Ruhrgebiet wieder in einen möglichst guten, ökologischen Zustand, in dem sie dann (Sekundär-)Lebensraum für vielfältige Pflanzen- und Tierarten bieten. Natürliche wie kulturlandschaftliche Biotope sorgen so für den Aufbau neuer sowie die Erhaltung und Verbesserung vorhandener Ökosystemleistungen*. Die Schaffung von neuer Biodiversität sowie der Schutz von Klima und Mensch stehen dabei für HeimatERBE an erster Stelle. HeimatERBE schafft dadurch einen Mehrwert für die Natur und für die Gesellschaft. Diesen Mehrwert bieten sie Unternehmen zur Kompensation ihrer negativen Umweltauswirkungen aus beispielsweise Dienstleistungen oder Produkten an.

*„Als Ökosystemleistungen werden die Dienstleistungen der Natur für den Menschen bezeichnet, die er durch die Lebensräume und Lebewesen wie Tiere und Pflanzen bezieht. Die Ökosystemleistungen schaffen die Basis für grundlegende Bedürfnisse des Menschen, wie beispielsweise den Zugang zu Wasser und Nahrung. Funktionierende Ökosysteme hängen von einem Zusammenspiel von zahlreichen Organismen ab, wie Primärproduzenten (z. B. Pflanzen), Pflanzenfressern, Fleischfressern, Destruenten (Zersetzern), Bestäubern und Pathogenen. Als wesentlicher Grundstein der Ökosystemleistungen gilt daher die Biodiversität mit all ihren Ebenen“ [1].

Was ist das HeimatERBE-Prinzip? Aus welchen Komponenten besteht es?

Das HeimatERBE-Prinzip beschreibt den Prozess, der zur Erreichung einer Umweltneutralität führt. Zu Beginn jedes Projektes muss die Ökobilanz einer Person, einer Organisation, eines Produktes oder einer Dienstleistung berechnet werden. Diese Analyse ermittelt alle Umweltwirkungen von der Produktion bis zur Entsorgung inkl. der Herstellung von Gebrauchsmitteln. (Diese Bilanzierung ist in der DIN EN ISO 14040/44 standardisiert.) Danach werden die Ergebnisse monetarisiert – also in Umweltkosten nach dem Standard des Umweltbundesamtes umgerechnet. Die Umweltkosten sind ein reiner Geldbetrag, welchen wir von unserem Ökobilanzierer (z.B. greenzero.me) erhalten. Er beschreibt die tatsächlichen Umweltwirkungen. Daraus resultiert dann der Umweltwert, welcher einen Ausgleich zwischen den Umweltkosten schafft. Der Umweltwert repräsentiert den Geldbetrag, der für die Kompensation der schädlichen Umweltauswirkungen nötig ist. Was wir für die Herstellung von leistungs- und funktionsfähigen Ökosystemen finanziell aufwenden müssen – also die Herstellungskosten bis zur „Biotopreife“, entspricht dem Umweltwert.

Wie kann HeimatERBE dann damit arbeiten?

Die Ökobilanzierung und Monetarisierung zielen natürlich immer darauf ab, dass etwas zu Schaden kommt. Natürlich ist es wichtig, diesen Schaden zuerst im Prozess so weit es geht zu reduzieren. Nur für solche bereits optimierten Prozesse bietet HeimatERBE eine Kompensation an. Was wir dann tun, ist diese festgestellten Umweltkosten wieder zu investieren. Der Umweltwert, den wir schaffen, ist die Spiegelung der Umweltkosten. Das ist das Momentum, in dem die Umweltneutralität erreicht wird, weil die Kosten an dieser Stelle im Prozess reinvestiert und die externen Effekte internalisiert werden. Der Kunde muss eins zu eins das an Kompensation auch bezahlen, was er auch an Kosten für die Umwelt auslöst. Durch ein Monitoring, eine Überwachung des Entwicklungsstandes, kann HeimatERBE überprüfen, ob die Ziele ihrer Kompensationsmaßnahmen, die wir zuvor in einem Entwicklungsplan beschreiben, erreicht werden. Für HeimatERBE steht die Umweltneutralität im Fokus. Neben dem Treibhauseffekt, verursacht durch den Ausstoß klimawirksamer Gase, werden auch Komponenten wie Versauerung, Überdüngung (Eutrophierung), Ozonbelastung am Boden (Sommersmog) und Zerstörung der (schützenden) Ozonschicht in der Stratosphäre miteinbezogen. Durch die Kompensationsleistung werden die Schutzgüter biologische Vielfalt, Klima und menschliche Gesundheit gestärkt. Die oben erläuterten Begriffe wie Ökobilanzierung, Monetarisierung, Umweltwert und ökologische Aufwertungsleistung sind elementare Bestandteile zur Erreichung der Umweltneutralität.

Welche aktuellen Projekte führt ihr durch und was plant ihr als nächstes?

Ein aktuelles Beispiel ist der ehemalige Schachtstandort Ewald 5 in Herten. Dort steht als ganz besonderes Merkmal eine alte Schmiede auf der Fläche. Die Fläche war bis August 2021 noch relativ stark als Baustelleneinrichtungsfläche genutzt. Heute ist wieder Ruhe eingekehrt und wir haben uns dazu entschlossen das Gebäude zu einer “Artenschutzschmiede” umzubauen – wir hatten bereits Spuren der (vorherigen) Besiedlung durch eine Schleiereule und Fledermäuse vorgefunden, sodass sich die Umwidmung perfekt anbot. Das heißt, das ganze Gebäude ist nur für den Artenschutz vorgesehen. Wir haben das Gebäude komplett für den Menschen verschlossen und nur noch Einflugmöglichkeiten für Tiere hergerichtet, vor allem für Fledermäuse und für gebäudebewohnende Vögel. Außerdem haben wir Nisthilfen und Quartiersstrukturen an der Fassade und im Gebäudeinneren angelegt, welche als Habitate für die Tiere in Frage kommen. Aber es gibt auch kleine Eingänge für bodengebundene Kleinsäuger und Co, die dort auch Schutz finden können. Dieses Gebäude macht allerdings nur einen kleinen Teil der 8 ha großen Fläche aus. In weiteren Teilbereichen des Areals wird HeimatERBE außerdem Entsiegelungs- und Rückbaumaßnahmen vornehmen, Unrat beseitigen, vorhandene Biotope erhalten und optimieren (z.B. aufgeforstete Bestände in bodenständige Waldgesellschaften umwandeln oder staufeuchte Offenlandfläche in extensive, kulturlandschaftliche Nutzung überführen) sowie neue Lebensraumtypen anlegen bzw. deren Entwicklung begünstigen/zulassen (z.B. Fluren mit Pionier- und Spontanvegetation, blütenreiche Säume aus Stauden, Wildobstbestände).

Ein weiterer ganz interessanter Standort ist die Fläche Kurl 3 in Lünen. Dort ist es zum Beispiel so, dass relativ flächendeckend die Goldrute vorkommt und eigentlich den ganzen Charakter des Gebietes bestimmt. Da haben wir zuerst gedacht, es wäre wahrscheinlich am sinnvollsten den Boden abzuschieben. Aber im Kontakt mit dem NABU aus Unna hat sich ergeben, dass dort schon diverse Orchideen vorhanden waren. Jetzt sind wir dabei diese Fläche schonend umzuwandeln, so dass wir die Orchideen-Bestände erhalten können.

Ein ganz besonderes Projekt, das unser bisheriges Tun an Komplexität und Umfang bei weitem übertrifft, läuft gerade in Duisburg-Ruhrort an. Gemeinsam mit dem Unternehmen Haniel haben wir von HeimatERBE und greenzero.me es uns zur Aufgabe gemacht, den Stadtteil bis 2029 zu dem ersten umweltneutralen Quartier der Welt zu transformieren. Da wird eine Menge Arbeit mit der Stadt, lokalen Unternehmen, Interessengruppen und natürlich auch den Ruhrorter Bürger:innen auf uns zukommen. Das wird ein herausforderndes Projekt, das ein großes Potenzial für den Stadtteil, die ganze Stadt Duisburg sowie das Ruhrgebiet mit sich bringt.

Weitere Ankäufe von degradierten und devastierten Flächen, die nicht unbedingt nur ehem. Industriestandorte und im Ruhrgebiet sein müssen, sind geplant, um nach unserer bisherigen Arbeitsweise auch die wachsende Nachfrage nach ganzheitlicher, mehrdimensionaler und lokaler Kompensation decken zu können. 

Alle weiteren Informationen rund um die aktuellen Projekte und vieles mehr können der HeimatERBE-Webseite entnommen werden. Außerdem gibt es einen Film, in dem weitere Details erläutert werden. 

Autorin: Stephanie Stiehm

* lala.ruhr übernimmt mit dem takeover im Januar 2022 drei Wochen lang den Instagram-Account von vier.ruhr, der Allianz der Mülheimer Theater. Unser Thema: der Müllkomplex. Wir nehmen euch mit mit auf eine digitale Reise durch die Region und darüber hinaus – an Orte, an denen etwas aus Müll entsteht oder an denen mit dem gearbeitet wird, was wir umgangssprachlich so bezeichnen. Wir laden dazu ein, auch die Stadtlandschaft der Metropole Ruhr zirkulär zu denken und alle Materialien als ein Teil von Kreisläufen zu entdecken. Das Unternehmen HeimatERBE stellen wir vor, da es  sich unter anderem um die Umwandlung von Flächen kümmert, die zuvor in der öffentlichen Wahrnehmung als “nutzlos” angesehen wurden und es Wirtschaftsunternehmen ermöglicht, umweltneutral zu agieren. 

vier.ruhr ist die Theaterallianz von Theater an der Ruhr, Mülheimer Theatertage „Stücke“ und Ringlokschuppen Ruhr. Gefördert im Rahmen von NEUE WEGE durch das Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen in Zusammenarbeit mit dem NRWKULTURsekretariat.

Quelle:

[1] Umweltdachverband (o.J.): Ökosystemleistungen – von der Natur kostenlos erbracht https://www.umweltdachverband.at/themen/naturschutz/biodiversitaet/oekosystemleistungen/

Die “Artenschutzsschmiede” am Schachtstandort Ewald 5 in Herten – eines der Projekte von HeimatERBE. © HeimatERBE


Takeover*: Das Ruhrgebiet als Urban Mining Valley!

Takeover*: Das Urban Mining Valley!

Das Ruhrgebiet hat bekanntlich eine jahrzehntelange Geschichte im Abbau von Braun- und Steinkohle vorzuweisen. Schon im 19. Jahrhundert lag der wirtschaftliche Fokus auf die Eisen- und Stahlindustrie. Die Montanindustrie inklusive vieler Arbeitskräfte aus dem Ausland sorgte damals für das erhebliche Städtewachstum. Durch die Kohlekrise im 20. Jahrhundert wurde letztendlich im Jahr 2018,  nach ganzen 150 Jahren Bergbau, die Förderung eingestellt. 

Und nun? Wo kommen unsere heutigen und künftigen Materialien heute her? Und wie sieht die Sekundärrohstoffnutzung aus?  7500 kg Metalle sind allein in einer 100 m2 großen Wohnung verbaut und rund 38 Tonnen Gold in 1,6 Milliarden Mobiltelefonen enthalten. Ein Lösungsansatz: die Kreislaufwirtschaft als Rohstofflieferant.  “Urban Mining” lässt sich mit “Städtischer Bergbau” übersetzen. Noch bis vor kurzem wurde mit dem Begriff überwiegend die Öffnung von alten Deponien assoziiert. Zentraler Aspekt des Urban Mining Ansatzes ist aber vielmehr das Recycling als Wiederverwertung von Materialien. Rohstoffknappheit, aber auch der gewaltige Import von Rohstoffen sowie der Ausstoß von schädlichen Kohlenstoffdioxid (CO2) werden durch Urban Mining reduziert.

Als einer der Wegbereiter des Begriffs des Urban Minings in unserer Region gilt Rainer Weichbrodt, der sich bereits seit dem Jahr 2008 intensiv für das Thema einsetzt und 2010 das Format des “Urban Minings Kongresses” mit einigen Partnern gemeinsam ins Leben rief, der zuletzt 2018 in Dortmund stattgefunden hat. Zudem hat er den Urban Mining e.V. mit Sitz in Essen gegründet. Weichbrodt ist geschäftsführender Gesellschafter der Management Institut Dortmund GmbH (MID) und bezeichnet Urban Mining gerne als “neuen Bergbau des Ruhrgebiet”. Gründe hierfür: Erstens die hohe Verstädterungsrate inklusive der hohen Dichte in der Region. Das Ruhrgebiet mit seinen über 5 Millionen Menschen könne als eine große Stadt bezeichnet werden. Zweitens könnte nach Ansicht von Weichbrodt hier im Ruhrgebiet ein Strukturwandel mit Umwelttechnologien etabliert werden, weil gerade hier die Hochschulkompetenz am höchsten ist. In diesem Kontext verweist er gerne auf den Begriff “Urban Mining Valley”. Weichbrodt: “Meine Vision ist es, dies voranzutreiben, also Technologien zu fördern, mit denen wir uns auch als Wirtschaftsstandort positionieren können und weltweite Impulse setzen. So stärken und verbessern wir natürlich auch den Wirtschaftsstandort Ruhrgebiet.” 

“Für mich ist Urban Mining das Nutzen und die Erkenntnis, dass Rohstoffe immer mehr sich aus dem Vorkommen der Erde in ein Vorkommen in Städten verlagert. Immer mehr werden Stoffe aus der Erde verwendet. Kupfer ist ein Material beispielsweise, was es heute schon in der Infrastruktur im größeren Maße gibt als Ressource in der Erde und vielen anderen Materialien wird es in der Zukunft ähnlich gehen, gerade bei den seltenen Metallen. Also ich habe die Rohstoffe nicht mehr in der Erde, sondern im Gebrauch und dort vielfältig durch die Verstädterung in der Stadt – und da gilt es eben in der Zukunft diese Ressource zu nutzen. Dabei wird der Mensch nicht nur als Verbraucher, sondern auch als Produzent wertvoller Ressourcen betrachtet”. Sein Appell: “Es liegt es an Allen, die wertvollen Metalle und Rohstoffe richtig zu entsorgen, um wiederum der Umwelt, der Gesellschaft, aber auch der eigenen Wirtschaft unter die Arme zu greifen”,   fasst Weichbrodt seine Definition zusammen.

Schon Anfang der 1960er-Jahre hat die amerikanisch-kanadische Stadt- und Architekturkritikerin Jane Jacobs die Städte als Minen bezeichnet. Minen in dem Sinne, dass in der Infrastruktur der Städte viele Rohstoffe verbaut sind, die später wiederverwendet werden können. Aber auch Konsumgüter wie Elektrogeräte, Windkraftanlagen, Photovoltaikanlagen, Autos sowie Gebäude und Ablagerungen auf Deponien sind unsere heutigen Sekundärrohstoffe. Beim Urban Mining werden folgende Prozesse werden beim Urban Mining durchlaufen: “Aufsuchen (Prospektion), Erkundung (Exploration), Erschließung und Ausbeutung anthropogener Lagerstätten bis zur Aufbereitung der gewonnenen Sekundärrohstoffe”. Die vier Säulen der Urban Mining Strategie: Design for Urban Mining, Ressourcen­kataster, Urbane Prospektion und Ressourcen­rück­ge­winnung.

Zum Abschluss des Urban-Mining-Diskurses hier noch die formale Definition des Umweltbundesamtes: “Urban Mining ist die integrale Bewirtschaftung des anthropogenen Lagers mit dem Ziel, aus langlebigen Gütern sowie Ablagerungen Sekundärrohstoffe zu gewinnen. Dabei spielt es keine Rolle, ob die Güter noch aktiv genutzt und erst in absehbarer Zukunft freigesetzt werden oder ob sie bereits das Ende ihres Nutzungshorizonts erreicht haben.” 

Wer eine einfache und kompakte Erklärung des Begriffs “Urban Mining” sucht, findet sie in diesem Video.

Textautorin: Stephanie Stiehm

* lala.ruhr übernimmt mit dem takeeover im Januar 2022 drei Wochen lang den Instagram-Account von vier.ruhr, der Allianz der Mülheimer Theater. Unser Thema: der Müllkomplex. Wir nehmen euch mit mit auf eine digitale Reise durch die Region und darüber hinaus – an Orte, an denen etwas aus Müll entsteht oder an denen mit dem gearbeitet wird, was wir umgangssprachlich so bezeichnen. Wir laden dazu ein, auch die Stadtlandschaft der Metropole Ruhr zirkulär zu denken und alle Materialien als ein Teil von Kreisläufen zu entdecken. Denn Müll ist für uns grundsätzlich eine Ressource und ein Fundus für Neues und eben nicht Abfall. lala.ruhr definiert Abfall als Wertstoff der Zukunft! Aus diesem Grund findet ihr auch in diesem Monat einige Blogbeiträge zum Thema “Müllkomplex”. Mit diesem ersten Blogbeitrag zu “Urban Mining” wird die Idee erläutert, das das Ruhrgebiet nicht nur Konsument sondern auch eine nachhaltige Ressource sein kann. 

vier.ruhr ist die Theaterallianz von Theater an der Ruhr, Mülheimer Theatertage „Stücke“ und Ringlokschuppen Ruhr. Gefördert im Rahmen von NEUE WEGE durch das Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen in Zusammenarbeit mit dem NRWKULTURsekretariat.

Quellen:

Im Januar 2022 übernimmt lala.ruhr den Instagram-Account von vier.ruhr, der Theaterallianz der der Mülheimer Häuser. Unser Thema: der Müllkomplex!


Die Rolle der urbanen Biodiversität

Die Rolle der
der urbanen
Biodiversität

Biodiversität ist eines der zentralen Themen unserer Zeit und auch im urbanen Kontext ein wichtiges Thema bei der Arbeit von von lala.ruhr. Der Beitrag von Stadtnatur zu einer lebenswerten Umgebung fördert nicht nur die Lebensqualität der menschlichen Bewohner:innen unserer Städte. Durch eine hohe Artenvielfalt können unsere Städte als grüne Infrastrukturen den Anforderungen der heutigen Zeit gerecht werden. Aus diesem Grund hat Stephanie Stiehm, Praktikantin bei lala.ruhr und Masterstudentin im Studiengang Geographie mit der Vertiefungsrichtung Stadt- und Landschaftsökologie, für unseren Blog in diesem Beitrag aufgeschlüsselt, welche Rolle Biodiversität in unseren Städten spielt.

Die weltweite Bevölkerung wächst –  immer mehr Menschen leben dabei im urbanen Raum und steigern so den Grad der Urbanisierung. Im Jahr 2050 sollen über 68 % der Menschen in Städten wohnen. Auch das Artensterben und der damit verbundene Biodiversitätsverlust ist eine der großen Krisen unserer Zeit. In den letzten 50 Jahren sind ca. 50 % der gesamten Arten ausgestorben. Welche Rolle spielen Städte dabei? Unsere Städte sind auch Teil eines vernetzten Ökosystems und bieten damit auch den Menschen ein gutes Lebensumfeld. 

Der Begriff Biodiversität wird dabei generell in drei Betrachtungsebenen eingeteilt: Genetische Vielfalt, Artenvielfalt und Lebensraumvielfalt. Sie unterliegen einer steten zeitlichen und räumlichen Dynamik: Die “urbane Biodiversität” umfasst dabei nicht nur die Naturprozesse, sondern schließt auch die bewussten anthropogenen (menschlichen) Handlungen mit ein. Folglich wird die Biodiversität in urbanen Räumen nicht vorgefunden, sondern auch von den Bürger:innen mitgestaltet [1]. Darüber hinaus bezeichnet der regionale Biodiversitätseinfluss den Einfluss menschlichen Lebens in der Stadt auf das Umland. Auf der globalen Maßstabsebene werden dann die regionalen Einflüsse auf entfernte Länder und ihre Ökosysteme übertragen.

Wo genau aber existiert Biodiversität in der Stadt? Die urbane Wildnis umfasst Pflasterritzenvegetation, Flächen mit freier Sukzession oder ganz unberührte Flächen [2]. Die Biodiversität ist in Städten auf Grund ihrer zahlreichen unterschiedlichen Lebensräume im Vergleich zu ländlich geprägten Gebieten sogar höher. Dazu zählen urbane Wälder, städtische Parkanlagen, offene Grünräume, Wasserläufer und viele weitere Kleinstbiotope. 

Das hohe Artenaufkommen in urbanen Gebieten wird durch die vielen Bereiche in der Stadt erklärt, die der natürlichen Sukzession überlassen werden können sowie unterschiedliche Sukzessionsstadien nebeneinander existieren. Beispiele hierfür sind Bahngleise, Dächer, Häuser, Industriegelände, Straßenränder und Brachflächen. Die Anzahl an Therophyten (einjährige Pflanzen) nimmt mit dem Verstädterungsgrad zu. Ursachen hierfür ist der oben erläuterte Strukturreichtum des Lebensraumes Stadt sowie das Angebot an unterschiedlichen Nahrungs- und Habitatangeboten. Außerdem können Tiere unter reduzierender Konkurrenz zu anderen Artgenossen leben. Ein häufiges Merkmal von Städten ist das erhöhte Vorkommen von Neobiota. Der Begriff Neobiota bezeichnet alle Arten, die in einem Gebiet leben (in diesem Fall der urbane Raum), indem sie nicht heimisch sind [1].

Zunächst ist der Unterschied zwischen Seltenheit und Gefährdung festzuhalten. Der Begriff Seltenheit umfasst das tatsächliche Artenaufkommen ohne das Zutun des Menschens. Sollten dabei auch Organismen wenig auftreten, werden sie als selten klassifiziert. Die Gefährdung ist mit einer negativen Bestandsentwicklung zu beschreiben. Ursache dafür ist häufig der Mensch, weshalb auch von anthropogener Seltenheit gesprochen wird. Die “Rote Liste” dient dabei als Verzeichnis oder Übersichtstabelle über den Gefährdungszustand von Tieren und Pflanzen und wird als Datenquelle benutzt. 

In Nordrhein-Westfalen existieren 43.000 Pilze, Pflanzen und Tiere [3]. Viele dieser Lebewesen sind gefährdet und sind bei Planungen als planungsrelevante Arten gekennzeichnet. Auf diese Arten muss bei Bauvorhaben besonders geachtet werden und wenn ihre Lebensräume zerstört werden, müssen Ersatz- und Ausgleichsflächen geschaffen werden. 

Die Biodiversität wird anhand von Biotopkartierungen (besonders für Pflanzen) und Zählungen von Artengruppen oder einzelnen Individuen gemessen. Dabei werden Werte zur Bestandsdichte ermittelt. Am Ende werden häufig Artenleitbilder für die Städte entwickelt, wodurch gezielt die Biodiversität erhöht werden kann.

Blick aufs Ruhrgebiet 

In der Metropole Ruhr existiert seit 2012 das Netzwerk Urbane Biodiversität. Es besteht aus zahlreichen Forscher:innen und Institutionen des Ruhrgebiets, die sich mit dem Thema Biodiversität befassen und eine Strategie für die Metropole Ruhr entwickeln. Ziel ist die Entwicklung von Maßnahmen, die die regionale Biodiversität erhalten und fördern. Seit Mitte 2020 wird die “Regionale Biodiversitätsstrategie Ruhrgebiet” von der Landesregierung gefördert. Sie ist ein Teilprojekt zur “Offensiven Grüne Infrastruktur 2030”, welches vom Regionalverband Ruhr (RVR) durchgeführt wird. 

Im März diesen Jahres sind Positionspapiere entstanden, die neun Schwerpunktthemen in den Fokus genommen haben: Arten- und Biotopschutz, Industrienatur, Urbane Landwirtschaft, Urbane Waldnutzung, Freiflächen und Biotopverbund, Klimawandel und Klimaanpassung, Stadtgrün und sozialer Zusammenhalt, Urbanes Grün und Gesundheitsvorsorge und Umweltbildung. Sie bilden einen Leitfaden und dienen als Diskussionsgrundlage für die zukünftige regionale Biodiversitätsstrategie.

Es ist allgemein anerkannt, dass Tiere, Pflanzen und Mikroorganismen wichtig für unseren Natur- und Wasserhaushalt sind. Sie erbringen zahlreiche Ökosystemdienstleistungen, wie die Kühlung der Umgebungstemperatur, dienen als natürliche Retentionsflächen und können Schadstoffe filtern oder abbauen und zum Beispiel Sauerstoff produzieren und Kohlenstoff speichern. Neben diesen Versorgungs- und Regulierungsleistungen gibt es noch die kulturellen Leistungen. Biodiversität bringt auch viel Ästhetik, Spiritualität, Bildung und Erholung mit sich [1]. Die Gesundheit und das Wohlbefinden der Bewohner:innen steigt durch eine biodiverse Stadtnatur an.

Jetzt liegt es auch ein bisschen an Ihnen, die Biodiversität in Städten neu zu entdecken und vielleicht auch einen kleinen Teil vor ihrer Haustür dazu beizutragen, unsere Städte grün und lebenswert zu gestalten.

Autorin: Stephanie Stiehm

Textquellen:

[1] Breuste, J. (2019) Die Grüne Stadt. Stadtnatur als Ideal, Leistungsträger und Konzept für Stadtgestaltung. Berlin. 375 S. 

[2] Keil, P.; Hering, D.; Schmitt, T. & Zepp, H. (Hrsg.) (2021) Positionen zu einer Regionalen Biodiversitätsstrategie Ruhrgebiet – Studie im Rahmen der Offensive Grüne Infrastruktur 2030. Oberhausen, Essen und Bochum. 228 S.

[3] NABU (o.J.) Tiere und Pflanzen Nordrhein-Westfalens. Artenvielfalt erhalten und schützen: https://nrw.nabu.de/tiere-und-pflanzen/index.html 

Bild von der spontanen Stadtnatur an der Ruhr-Universität Bochum © S.Stiehm


Green-blue streets: Studentische Entwürfe der RWTH Aachen für Essen-Altendorf

green-blue streets:
die studentischen
entwürfe sind
ausgewertet

lala.ruhr durfte im zurückliegenden Sommersemester eine Planungsaufgabe des Lehrstuhls für Landschaftsarchitektur an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen (RWTH) mitentwickeln. In der Projektarbeit „green-blue streets – wassersensible Stadt Essen-Altendorf“ haben Master-Studierende der Fachrichtungen Architektur und Städtebau neue Quartiersleitbilder für den dicht bebauten und bevölkerungsreichen Bezirk im Essener Westen entworfen. Und das komplett digital – so musste die Betreuung pandemiebedingt online stattfinden, die Teilnehmenden sich individuell auf den Weg zu Ortsbesichtigungen machen.

Mit den Ergebnissen ist Dozent Dr.-Ing. Axel Timpe sehr zufrieden: „In fast allen Entwürfen geht es nicht nur um die Bewältigung von Starkregen und Hitzewellen, sondern auch um die Sichtbarmachung und Gestaltung von und mit Wasser. Fragen zur Einbettung ins Quartier wurden gut beantwortet.“ Signifikante Unterschiede zeigten sich in den gestalterischen Details: so reicht die Bandbreite der entwickelten Lösungen von Trennkanalisation und versickerungsfähigen Grünflächen bis hin zu einem Skatepark, der bei Starkregen Wasser aufnehmen kann. Alle Entwürfe integrieren auch die Neuorganisation des Verkehrs für lebenswertere Straßenräume. Ein sinnvoller Ansatz, so Timpe, denn klar sei, dass  grün-blaue Straßen einen Wegfall von Parkplätzen durch neue Verkehrsführung und sanfte Mobilitätsformen wie Car-Sharing, Fahrradverkehr und E-Mobilität kompensieren müssen. Diese Angebote und ein aufgewerteter öffentlicher Nahverkehr  finden sich in vielen Entwürfen wieder.

Doch wie realistisch sind solche Ansätze in einem bestehenden Quartier? „Nicht nur bei Neubauprojekten liegt der planerische Fokus längst auf Aspekten der Wassersensibilität. Auch beim Umbau im Bestand müssen wir neu denken, um den Anforderungen des Klimawandels gerecht zu werden. Natürlich wird nicht gleich morgen begonnen, den öffentlichen Raum in Altendorf umzubauen, um dort eine offene Regenwasserführung oder Zisternen anzulegen. Allerdings können die studentischen Entwürfe durchaus innovative Ansätze liefern, denn es gilt, nach dem Bau des Niederfeldsees als übergeordnete grün-blaue Infrastruktur diese schrittweise im Kontext der Stadterneuerung in den Stadtteil zu integrieren“, so Timpe. Auch, weil der 2014 eröffnete künstliche See nicht konstant über genügend Wasser verfügt, sondern streckenweise über Pumpen bedient werden muss – was sich über eine Anpassung der Strukturen im anliegenden Quartier ändern ließe. „Bei einem Quartier am See ist man nah dran, genau hier ließe sich mit solchen Maßnahmen starten und damit auch prüfen, inwieweit sich die Ideen auf den gesamten Stadtraum übertragen lassen. In Kürze sollen die Entwürfe dementsprechend auch der Stadt Essen vorgestellt werden.

lala.ruhr bedankt sich bei den Studierenden und dem Team der RWTH Aachen und gratuliert herzlich zu den spannenden Ergebnissen, die in der Galerie im Einzelnen zu sehen sind.

Lukas Linnemann und Karen Riehm: Altendorfer Quartiers-Oasen

Jule Leutner und Klara Tebroke: Grün-blaue Mitte

Isabel Kaster und Hannah Keuser: Alle Wege führen zum Niederfeldsee

David Hermann und Ekta Singh: Regenwasserkonzept für den Weuengarten

Ann-Kristin Bierotte und Katharina Raesfeld: Urban Water Cycle

Tobias Ohlenforst und Dimana Vasileva: green.blue streets

Vanessa Kohl und Marie-Luise Kremm: RGB-Code Essen-Altendorf

Marina Santelmann und Sophie Wenderoth: Wechselwirkung Altendorf

Anna Vyhuliar und Hilal Zengin: Blaue Wege zum Niederfeldsee


Kulturkonferenz Ruhr: Die Zukunft der Zentren ist inklusiv, grün und produktiv!

Die Zukunft der Zentren
ist grün, inklusiv und
produktiv!

Wie bringt man mehr Aufenthaltsqualität in die Innenstadt, wie mehr Kultur und Identität? Dieser Frage ging die diesjährige Kulturkonferenz Ruhr in Herne mit einem umfangreichen Programm nach. lala.ruhr steuerte hier auf Einladung des Regionalverbands Ruhr einen Workshop bei – dessen Titel gleich auch auf unseren Lösungsansatz verwies: Die Zukunft der Zentren ist inklusiv, grün und produktiv! 

Wir konnten drei Organisationen aus unserem Netzwerk dafür gewinnen, mit uns die Herner Innenstadt aus unterschiedlichen Perspektiven zu untersuchen: Die Dortmunder Urbanisten e.V. (Referentin: Annette Bathen) thematisierten die Idee der produktiven Innenstädte. In der Gruppe von kitev (Oberhausen, Referentin: Petra Jablonická) ging es um Grüne Bahnhöfe als besondere Transiträume. „Gemeinsam für Stadtwandel“ (Essen, Referentin: Martina Nies) legte den Fokus auf die kollaborative Stadt. Alle drei stellten kurzen Inputs ihre Perspektive auf die Stadt vor, bevor bei einem Rundgang zusammen mit den Teilnehmer:innen der Kulturkonferenz – Kulturschaffende sowie Vetreter:innen aus Verwaltung und Stadtplanung – konkrete Ideen und Vorschläge für die Transformation von konkreten Räumen in der Innenstadt gesammelt wurden.

Während der Touren wurden  beispielhafte Ideen der Transformation konkret diskutiert und fotografisch festgehalten – die Basis für unsere Memory-Karten zu den Potenzialorten der Herner Innenstadt. 

Ein Beispiel hierfür: der Parkplatz an der Cranger Straße als vielbefahrene Hauptstraße: Während der Exkursion wurde deutlich, dass er den überwiegenden Teil des Tages leer ist und lediglich zur „Rush Hour“ am Nachmittag, in der Eltern ihre Kinder von der anliegenden Grundschule abholen, genutzt wird. Die beim Rundgang entstandene Idee: Mit einfachen Mitteln wie Pflanzen ließe sich der Platz schnell, effektiv und deutlich von der Hauptstraße abgrenzen. Ein Teil der kaum genutzten Parkplätze könnte Bänken weichen und ein Bike-(Repair)Café mit Musik, das künftig dort während der mittäglichen Rush-Hour platziert wird, einen Anreiz geben, den Schulweg von Eltern und Kindern künftig per Rad zu erledigen und noch gemeinsam in der neuen grünen Oase zu verweilen. 

Diese Idee steht exemplarisch für viele der Eindrücke, Fotos und Visionen, die in der Abschlussrunde diskutiert wurden: umzusetzen mit einfachen Mitteln, Engagement und Kooperation. Neben konkreten Ergebnissen vor Ort wird so auch eine Prozesskultur gefördert, die unterschiedliche Akteur:innen einbindet und ermächtigt, die Innenstadt als einen lebenswerten Ort zu gestalten. Alle am Workshop Beteiligten waren sich darüber einig, dass die Vielzahl an exemplarisch gefundenen Ansätzen in allen drei Rundgängen auch in Ihrer täglichen Auseinandersetzung mit Städten eingebracht werden können.

DOWNLOAD DER DOKUMENTATION

Impression aus dem Workshop für lala.ruhr bei der 9. Kulturkonferenz des RVR. Foto: RVR / Oberhäuser


Imagine Green Urban Futures - XR in der Stadtplanung auf dem Places VR-Festival

Rückblick:
Imagine Green
Urban Futures

Imagine Green Urban Futures: Unter dieses Motto hat lala.ruhr sein Programm beim Places VR-Festival gestellt. Denn: Wir brauchen Bilder für die Zukunft unser Stadtlandschaften. Herkömmliche Pläne und Illustrationen sind für viele Menschen schwer zu erfassen. Extended Reality hingegen lässt Visionen lebendig und anschaulich werden, wie im Programm rund um die Bochumer Straße in Gelsenkirchen deutlich wurde. 

Drei Teams haben eigens für das Festival ihre Augmented Reality-Anwendungen entworfen, in denen Sie jeweils einen Abschnitt der Bochumer Straße – einem 120 Jahre alten Straßenzug in Ückendorf – grün und visionär gestalteten: Per Smartphone und Tablet konnten sich die Festivalbesucher*innen davon überzeugen, wie stark diese Impulse wirken, wenn sie nicht nur über das Papier transportiert, sondern vierdimensional und damit lebendig werden. 

Die jeweiligen Büros, bzw. Protagonist:innen, hatten sich zuvor über einen Wettbewerb qualifiziert verfolgten verschiedene Ansätze: 

Anja Cambria Oellermann, Szenografin aus Hamburg, stellte das Entdecken der Stadtnatur und die Neugier der Besucher in den Mittelpunkt ihrer Vision für den Bergmannplatz, unter anderem durch Naturinseln, einem Wildblumenfeld und einem kleinen Teich. 

Das Kölner des Kölner Büro Greenbox Landschaftsarchitekten lud ein, den „Green Canyon“ zu entdecken und verwandelte die vom Autoverkehr dominierte Straße in eine lebendige und auf mehreren Ebenen nutzbare Rauminstallation, die unter anderem mit Details wie integrierten Photovoltaik-Elementen und einer Ladeinfrastruktur für E-Autos aufwartete. 

Die Berliner Agentur pimento formate legte dagegen den Fokus auf Edutainment für Nachhaltigkeit und verband Elemente wie virtuelle Palmen, Blumen und sprudelnde Brunnen mit Infos zur Eignung unter Aspekten der Klimaneutralität. 

In einem vierten Abschnitt entlang der Bochumer Straße konnten die Besucher:innen dann selbst aktiv werden und nicht nur für Begrünung sorgen, sondern auch Elefanten, Zebras und Sofas herbeiwünschen. 

Im Hof der Quartieroase haben die Besucher:innen an beiden Tagen Impulse und Panels rund um Digitalität in der Planung verfolgt. In den anliegenden Garagen, die mithilfe von Sofas, Teppichen und Co. in Lounges verwandelt wurden, stellten sich unser Technikpartner für die Umsetzung der AR-Anwendungen, das Aachener Start-Up Cityscaper, sowie pimento formate mit dem Projekt „futureleafmission“ und das Team von Greenymizer mit seiner Vision einer App für mehr digitale Beteiligung an der Grünen Stadt der Zukunft vor – ein ganz besonderes Wiedersehen, denn das Team hatte sich bei dem Hackathon auf dem Places-Festival 2020 geformt und mit einen Prototypen zwei Auszeichnungen gewinnen. Dazu bot in der  Garagen-Lounge ein Video-Loop die Möglichkeit, weitere innovative XR-Projekte kennenzulernen. 

Ergänzt wurde das Programm durch eine Plakatausstellung, über die folgende internationale Projekte und Büros mit Verweisen auf die jeweiligen Projektseiten vorgestellt wurden: 

  • AVP (Düsseldorf): Präsentation von komplexen Immobilienprojekten in virtueller Animation.
  • Anja Cambria Oellermann & Shaouhan Hu: Ensō – Analyse der Grenze zwischen Wasser und Land in japanischen Tempeln und im Kieler Stadtraum
  • Form Follows You GmbH (Berlin): Digitale Partizipation Bahnhofstraße Lichtenrade
  • Green4Cities (Wien): Developing Urban Green Visions
  • Greenymizer: Vision der App “City Greenymizer” für Bürger:innenbeteiligung
  • Dr. Nadina Galle (Amsterdam): “Internet of Nature” für den Aufbau intelligenter grüner Städte
  • Jan Kamensky (Hamburg): Utopia for Bicyclists – Utopische Animationen
  • LAND (Mailand/Lugana/Düsseldorf: CariGO GREEN3 – Digital Landscape. Programm zur territorialen Entwicklung der Landschaft Gorizia an der Grenze zwischen Italien und Slowenien
  • pimento formate (Berlin): Futureleaf – AR-Mission zu Mikroplastik in der Stadt
  • Katie Patrick (San Francisco): Kann Gamification den Planeten retten?

Die Ausstellungsplakate findet ihr hier zum Nachlesen: Plakatausstellung_Places VR Festival

„Imagine Green Urban Futures“ wurde ermöglicht durch eine Förderung der E.ON Stiftung und cityscaper, unseren Technikpartner zur Entwicklung der AR-Anwendungen. 

Herzlicher Dank gilt auch unseren Speaker:innen: 
Stephan Muschick (E.ON Stiftung), Stefanie Hugot (Leiterin des Referats Stadtplanung bei der Stadt Gelsenkirchen), Dr. Volker Settgast (Fraunhofer Austria), Hilke Berger und Immanuel Schipper (HafenCity University Hamburg), Matthias Funk (scape Landschaftsarchitekten GmbH), Burkhard Drescher (Innovation City Management GmbH), Prof. Dr. Ismeni Walter (Hochschule Ansbach) & Michelle Adolfs (Team Greenymizer VR), Elle Langer und Markus Mende (pimento formate), BIMa.solutions – Virtual Reality für Architektur, Sebastian Witt, Juliane Ebeling und Robin Römer (Cityscaper Aachen).

Imagine Green Urban Futures – eine Besucherin nutzt die AR-Anwendungen. Foto: Places _ VR Festival/Ole-Kristian Heyer


polis AWARD 2021 für lala.ruhr in kommunikativer Stadtgestaltung

Auszeichnung für lala.ruhr: polis Award 2021!

Das Team von lala.ruhr freut sich über den polis Award: In der Kategorie “Kommunikative Stadtgestaltung”, in der Instrumente ausgezeichnet werden, mit denen Menschen kreativ und auf Augenhöhe in Stadtentwicklungsprozesse involviert werden, haben wir den 3. Platz erhalten.

Mit dem polis award des polis Magazin für Urban Development werden jährlich in verschiedenen Kategorien Projekte im Städtebau und der Immobilienwirtschaft ausgezeichnet, denen eine partnerschaftliche Haltung und zugrunde liegt bei der Entwicklung von Lösungen für die Stadt der Zukunft.

Der 1. Platz ging an das Online-Beteiligungsverfahren zum städtebaulich-freiraumplanerischen Wettbewerb “Am Alten Güterbahnhof” in Duisburg, der 2. Platz an den Audio-Walk des Modellprojekts “Rathausblock” in Berlin. Herzlichen Glückwunsch an alle Nominierten und Preisträger, auch in den weiteren Kategorien!

Übergabe der Auszeichnung an lala.ruhr beim auf der polis Convention 2021 in Düsseldorf.


Offensive Grüne Infrastruktur: Handlungsempfehlungen für den RVR veröffentlicht

Offensive Grüne Infrastruktur: Handlungsempfehlungen für den RVR veröffentlicht!

Es ist so weit: Das Team von lala.ruhr hat im Auftrag und in Kooperation mit dem Regionalverband Ruhr (RVR) in einem mehrmonatigen Prozess einen strategisch-konzeptionellen Beitrag als Baustein für die Kommunikationsoffensive Grüne Infrastruktur des RVR erarbeitet. Dieser wurde nun an Nina Frense (Beigeordnete für Umwelt und Grüne Infrastruktur) übergeben. Im Kern ging es darum, Vorschläge zu entwickeln und Akteur:innen aus unterschiedlichen Bereichen für eine Zusammenarbeit zu gewinnen.

Eingeflossen sind dabei unter anderem die Ergebnisse des „Festivals der Landschaft”, das im Februar über 200 Teilnehmer:innen im digitalen Raum erreichen konnte, genauso wie Akteur:innen-Interviews mit innovativen Landschafts- und Stadtgestalter:innen, Engagierten in einem nicht-institutionellen planerischen Kontext und künstlerische Perspektiven. Hinweise und Ansätze für eine zielführende Kommunikation und die Einbindung von Akteur:innen bei der Gestaltung Grüner Infrastruktur in der Metropole Ruhr wurden zusammengetragen und in der nun vorliegenden Handlungsempfehlung beschrieben, die als Grundlage dienen kann für das regionale Gemeinschaftsprojekt der Gestaltung und Kommunikation einer zukunftsfähigen urbanen Landschaft.

lala.ruhr bedankt sich bei Allen, die ihre Expertise eingebracht haben – ob als Interviewte oder Teilnehmende der digitalen Festival-Formate!

Übergabe der Handlungsempfehlungen an Nina Frense (Beigeordnete für den Bereich Umwelt und Grüne Infrastruktur des Regionalverband Ruhr, Mitte), durch die lala.ruhr-Initiator:innen Sebastian Schlecht (links) und Melanie Kemner (rechts). Foto: RVR/Volker Wiciok


Podcast-Tipp: the one minute city and the Internet of nature!

Podcast-Tipp:

the one minute city
and
the internet of nature

Auf dem lala.ruhr-Festival im Februar diesen Jahres gab es eine ganz besondere, englischsprachige Live-Session, die aufgezeichnet wurde und nun als Podcast erschienenen ist: The one minute city and the internet of nature!  Es handelt sich um eine Folge des Urban Landscape Lab-Podcast mit Tommaso Bassetti, Experte für Stadt- und Klimapolitik, der eine Plattform bietet für die Diskussion von Erfahrungen, innovativen Ideen und Projekten an der Schnittstelle zwischen urbaner Lebensqualität, grüner Performance und Qualität.

Als Folge der Pandemie hatten und haben wir weniger oder gar keinem Zugang zu Büros, Bars, Restaurants, Museen und Freiräumen. Noch nie war die urbane Lebensqualität so abhängig von den Räumen, die vor unseren Türen liegen. Gemeinsam mit Dr. Nadina Galle, Ökologie-Ingenieurin und Pionierin des Konzepts “Internet der Natur”, und Andrea Balestrini, Leiter des LAND Research Lab, haben wir während des Festivals erkundet, wie man gewöhnliche städtische Straßen so umgestalten kann, dass ihre Bewohner auch nach der Pandemie davon profitieren und gleichzeitig die Widerstandsfähigkeit gegenüber einer sich beschleunigenden Klimakrise durch grüne Performance erhöht wird.

Wer die Session während unseres Festivals verpasst hat, kann nun hier reinhören:

#thinklandscape

lala.ruhr ist das Labor für die Landschaft der Metropole Ruhr – eine Biennale der urbanen Landschaft!


Bewerbt euch: Imagine green urban futures - lala.ruhr goes places!

Bewerbt euch:
Imagine green urban futures -
lala.ruhr goes
places!

Ihr seid technikaffine (Landschafts-)Architekt:in, Stadtplaner:in, Gestalter:in und Innovator:in?  Dann hat lala.ruhr in Zusammenarbeit mit dem  Places_Virtual Reality Festival in Gelsenkirchen-Ückendorf eine ganz besondere Herausforderung für euch, nämlich den Wettbewerb „Imagine Green Urban Futures“!

Worum geht’s? Ihr entwickelt eine grüne und nachhaltige Vision für die Bochumer Straße – einen 120 Jahre alten Straßenzug in Ückendorf –  auf Basis bestehender 3D-Daten. Die 3D-Modelle werden anschließend von unserem Technikpartner cityscaper in echte AR-Anwendungen umgewandelt und können von den Besucher:innen des Places _ VR Festivals (17. & 18.09.2021) per Smartphone oder Tablet erkundet werden.

Foto: Ravi Sejk

Der Ablauf:

  • Ihr reicht bis zum 11. Juli eure Bewerbung mit dem ausgewählten Straßenabschnitt der Bochumer Straße ein.
  • Eine Fachjury wählt drei Teilnehmer:innen/Teams aus
  • Ihr bekommt Aufwandsentschädigung von 1.000€ und arbeitet einen Monat an eurer Vision
  • Besucher:innen des Places _ VR Festivals können am 17. & 18.09.2021 eure Vision in Augmented Reality live erleben

Das Places _ Virtual Reality Festival ist Deutschlands erstes, größtes, frei zugängliches und kostenfreies Festival für Virtual Reality. 2021 geht das Festival bereits in die dritte Runde. Das Places _ VR Festival richtet sich gleichermaßen an ein Fach-, aber insbesondere auch an ein breites öffentliches Publikum und findet seit 2018 in Gelsenkirchen-Ückendorf statt. Places ist ein Treffpunkt für die deutsche und europäische XR-Branche sowie Anlaufpunkt für viele VR-Interessierte.

Realisiert wird das Projekt zusammen mit cityscaper als Technikpartner und der E.ON Stiftung als Förderer. Gemeinsam wollen wir den konkreten Einsatz von Augmented Reality in der Stadtplanung erproben, um neue Impulse für Partizipation und Bürger:innenbeteiligung zu geben – damit die Stadt der Zukunft erlebbar und die Debatte darüber lebendig wird.

Bewirb dich jetzt mit deiner Idee, werde Teil unseres “Imagine Green Urban Futures”-Projekts, arbeite von Mitte Juli – August an deiner Vision und erhalte 1.000€ Aufwandsentschädigung und setze dein 3D-Modell um, das die Besucher*innen des Places _ VR Festivals dann in AR testen und erleben können!

Alle Informationen und den Link zum Bewerbungsformular findet ihr hier.

Imagine Green Urban Futures – werde mit deiner Vision Teil des Places_Virtual Reality Festival! Foto: Cityscaper


lala.ruhr – der Film: Unterwegs bei den Akteur:innen in der Region!

lala.ruhr – der Film:
Unterwegs bei den
Akteur:innen
in unserer Region!

Um die grüne Stadt der Zukunft zu gestalten, braucht es viele Perspektiven – lala.ruhr hat es sich zur Aufgabe gemacht, diese zu sammeln, den Austausch zu fördern und Visionen und Konzepte für die Zukunft der Metropole Ruhr zu diskutieren. Nach dem partizipativ angelegten Festival der Landschaft der Metropole Ruhr, das im Februar im digitalen Raum stattfand, waren wir in den vergangenen Wochen in Essen, Gelsenkirchen und Oberhausen unterwegs, um innovative Projekte zu besuchen und spannende Stimmen und Gesichter einzufangen.

Entstanden ist mit Unterstützung des Regionalverbands Ruhr und von drei Protagonist:innen ein rund 12-minütiger Film aus verschiedenen Perspektiven. Was ist die Aufgabe von Landschaftsarchitekt:innen? Schon einmal von Organismendemokratie gehört? Und was passiert auf dem Dach des Oberhausener Jobcenters? Die Antworten findet ihr im Film.
Wir freuen uns über Feedback!
#thinklandscape

Um die grüne Stadt der Zukunft zu gestalten, braucht es viele Perspektiven. Über ein Filmprojekt fängt lala.ruhr jetzt drei davon ein.


Werkstattbericht: Urbanes Gärtnern im Ruhrgebiet

Werkstattbericht:
Urbanes Gärtnern
im Ruhrgebiet

Mehr Gemeinschaftsgärten im Ruhrgebiet – wie geht das? Dieser Frage sind Jonas Runte und Nils Rehkop kürzlich in einer  weiteren digitalen Werkstatt von lala.ruhr nachgegangen. Als Mitglieder der Dortmunder Urbanisten können sie aus jahrelanger praktischer Erfahrung in der Umsetzung von Gemeinschaftsgärten berichten.

Öffentlich, gemeinschaftlich und freiwillig – das sind die Kernelemente der Definition von urbanen Gärten. Mehr als 100 urbane Gärten und etwa 1600 Kleingartenanlagen existieren in NRW. In der Stadt in Form von Gemeinschaftsgärten, Schulgärten, Guerilla Gardening und „Essbare Stadt“-Arealen, stadtnah als Mietäcker oder Flächen für solidarische Landwirtschaft. Die Anlagen bedienen dabei vielfältige Aspekte: neben dem Umweltschutz und der der Stärkung von Artenvielfalt stehen insbesondere soziale Aspekte im Vordergrund. Zusammen Gärtnern fördert unter anderem Begegnung und Austausch, Identifikation mit dem Quartier, spart durch den Aspekt der Selbstversorgung Geld.

Allerdings reiche es nicht aus, Menschen „einen Garten vor die Tür zu setzen“. Viel wichtiger sei der Erfahrung der Urbanisten nach der Aufbau einer motivierten Gruppe, die motiviert ist sich die Hände schmutzig zu machen. Nicht nur mit Erde, sondern auch mit mitunter anstrengendem Ausfüllen von Papieren. Nichtsdestotrotz: Gemeinsam Gärtnern im Ruhrgebiet ist möglich und es macht Spaß, so das Fazit. Wer sich für die verschiedenen Beispiele aus Dortmund und Umgebung sowie Hinwiese auf Fördermöglichkeiten interessiert, findet hier die Präsentation zum Workshop: Urbane-Gärten-im-Ruhrgebiet-die-Urbanisten

Text: Jonas Runte/Sonja Broy
Foto: die Urbanisten e.V.

Die Urbanisten sind unter anderem im Dortmunder Westgarten aktiv.


green-blue streets: Planungsaufgabe an der RWTH Aachen

green-blue streets:
Planungsaufgabe an der
RWTH Aachen

green-blue streets: Wassersensible Stadt Essen-Altendorf. So lautet der Titel einer Planungsaufgabe des Lehrstuhls für Landschaftsarchitektur an der Rheinisch-Westfälisch Technischen Hochschule Aachen (RWTH), die von lala.ruhr mitentwickelt wurde. In dem Projekt geht es um die Erarbeitung eines Quartiersleitbildes für lebenswerte, grün-blaue Straßen, dessen Durcharbeitung für einen Straßen- und Platzraum sowie einen weiteren Freiraum eigener Wahl im Quartier.

Hintergrund der Aufgabe im aktuell laufenden Sommersemester: Unsere Städte müssen wassersensibler werden. Unter den Bedingungen des Klimawandels spielen Grüne und Blaue Infrastruktur eine zunehmend wichtigere Rolle für die Bewältigung von klimatischen Extremereignissen. Im Bereich Wasser bedeutet dies, dass die öffentlichen und privaten Freiräume sowohl Starkregenereignisse abpuffern als auch in längeren Trockenperioden attraktiv bleiben müssen. Auch in der Bestandsstadt ist hierfür ein schrittweiser Umbau notwendig. Neben den klassischen grünen Freiräumen wie Gärten und Parks sollten für ein ganzheitlich gedachtes System der wassersensiblen Stadt also auch Straßen- und Platzräume mitgedacht werden. Bis in die Stadtquartiere hinein sind sie der meistgenutzte öffentliche Raum der Stadt und die Kapillargefäße der städtischen Infrastruktur, sowohl über als auch unter der Erde.

Als Beispielquartier für die die Planungsaufgabe wurde der Stadtteil Essen-Altendorf gewählt, der unmittelbar an den Niederfeldsee grenzt. Mit dem See und den umgebenden Flächen wurde hier bereits eine grün-blaue Infrastruktur geschaffen, deren Verzahnung mit der Bestandsstadt jedoch noch nicht ausreichend ist. Um den See auch in Trockenphasen erhalten zu können, muss in Zukunft auch aus den angrenzenden Quartieren Niederschlagswasser gewonnen werden. Wie diese zu einem blau-grünen System weiterentwickelt werden können, wird am Beispiel der Weuenstraße und Umgebung bis ins Detail ausgearbeitet.

Wir freuen uns schon auf die Entwürfe der Studierenden, die ab Ende Juli auch hier auf dem Blog vorgestellt werden!

Blick in die Essener Weuenstraße: Lebenswerte Straßen in einer zukunftsfähigen Stadt sollten viele Ansprüche miteinander verbinden. Foto: Sebastian Schlecht.


Werkstattbericht: Urbane Biodiversität

Werkstattbericht:
Urbane
Biodiversität

Der Zusammenhang von unserem Handeln, der Degradierung unserer Ökosysteme und dem akuten Verlust von Artenvielfalt ist offensichtlich. Doch welche Rolle spielen Städte in diesem globalen Zusammenhang? Welche Wirkungen gehen von ihnen aus, wem bieten sie Lebensraum – und welche Möglichkeiten haben wir, von den Städten aus zu agieren und positive Entwicklungen zu ermöglichen? Fragen, die sich auch lala.ruhr immer wieder stellt, zuletzt im Kontext einer Werkstatt während des Festivals der Landschaft der Metropole Ruhr.

Die Begrifflichkeiten

Urbane Biodiversität bezieht sich als Begriff auf die biologische Vielfalt der Städte selbst. Unter regionalem Biodiversitätseinfluss versteht man den Einfluss menschlichen Lebens in der Stadt auf das Umland. Mit globalem Biodiversitätseinfluss bezeichnet man unseren Einfluss auf die weit entfernten Länder und ihre Ökosysteme – der von unserem globalen Konsumverhalten gezeichnet wird.

Biodiversität in der Planung

Generell lässt sich festhalten, dass „Natur in der Stadt“ in der Forschung ein noch recht junges Phänomen ist, dass erst seit den 1970ern mit dem Aufkommen der Disziplin Stadtökologie wissenschaftlich erforscht wird. Während Natur- und Artenschutz eine lange Tradition haben, kam Tier und Pflanze in der Stadt nur wenig Aufmerksamkeit zu. Ein gewichtiger Grund hierfür wird in der lange vorherrschenden Trennung zwischen dem Raum des Menschen und der Natur gesehen, die sich in Begriffen wie Naturlandschaft und Kulturlandschaft widerspiegelt. Inzwischen verknüpfen planerische Konzepte Räume und Funktionen – Parkflächen werden zb nicht mehr nur als Ort der Erholung definiert, sondern auch mit Blick auf die auf ihnen zu findenden Tier- und Pflanzenarten – auch für lala.ruhr beginnt Natur bereits auf der Fensterbank. 

Biodiversität in der Metropole Ruhr

Bereits seit 2012 existiert in der Metropole Ruhr das Netzwerk Urbane Biodiversität, das wichtige Partner:innen verbindet, die zum Thema Biodiversität arbeiten und eine Strategie für die Metropole Ruhr vorantreiben. Erst vor wenigen Wochen sind dazu Positionspapiere veröffentlicht worden, in denen neun Themen im Fokus stehen: Arten- und Biotopschutz, Industrienatur, Urbane Landwirtschaft, Urbane Waldnutzung, Freiflächen- und Biotopverbund, Klimawandel und Klimaanpassung, Stadtgrün und soziale Verantwortung, Urbanes Grün und Gesundheitsvorsorge sowie Umweltbildung und Umweltbildungszentren.

Konkret vor Ort werden durch das Netzwerk Urbane Biodiversität zum Beispiel die Arten im Landschaftspark Duisburg beobachtet – eine außerordentliche Vielfalt mit über 700 Pflanzenarten und Tieren. Exemplarisch hierfür stehen hier alleine 35 unterschiedliche Libellenarten auf dem Gelände des ehemaligen Industriestandortes.

Auch im Handlungsprogramm der Emschergenossenschaft zur Entwicklung einer klimaresilienten Region durch blau-grüne Infrastrukturen spielt Biodiversität eine wichtige Rolle. Die nötigen Lösungen zur Klimaanpassung eröffnen auch einen Handlungsspielraum. So ist beispielsweise die Art der Ausführung eines Gründaches dafür verantwortlich, ob auch Insekten und Vögel dort einen ergänzenden Lebensraum finden.

Zudem engagiert sich der NABU NRW  in vielen Projekten. Thorsten Wiegers betonte im Rahmen der Festivalwerkstatt, dass Biodiversität ein Indikator für lebenswerte Städte sein kann – und zwar nicht nur auf der sachlich notwendigen Ebene, sondern auch emotional mit Begeisterung. Laut einer Studie des Bundesamtes für Naturschutz stimmten 89 % der Menschen in Deutschland der Aussage zu, dass „die biologische Vielfalt in der Natur ihr Wohlbefinden und die Lebensqualität fördert.” Wichtig sei, dass gerade in der Stadt die Menschen mit der Natur und der Biodiversität in Verbindung treten und diese als selbstverständlichen Teil Ihres Lebensraumes wahrnehmen.

Ein weiteres spannendes Projekt zum Thema Urbane Biodiversität findet sich in Dortmund: Naturfelder Dortmund e.V., eingebettet in das EU-Forschungsprojekt „productive Green Infrastructure for post-industrial urban regeneration“ (proGIreg), bei dem die grüne Infrastruktur in ehemals industriell geprägten Bereichen gestärkt werden soll. Der Verein will dazu in Dortmund mit der Kommune und den Bürgern Flächen als Blühwiesen mit hoher Biodiversität aufwerten. Die ersten Flächen wurden bereits im Frühjahr 2021 eingesät.

Dekade der Wiederherstellung unserer Ökosysteme

Der Verlust der Biodiversität ist mit dem Klimawandel eine der großen benannten Krisen unserer Zeit. Die UN hat vor diesem Hintergrund die Dekade der Wiederherstellung der Ökosysteme ausgerufen. Unsere Städte spielen dabei eine große Rolle, denn sie entwickeln sich mehr und mehr von der Idee des mittelalterlichen Bollwerkes hin zu einem echten Lebensraum für Ihre Bewohner:innen. Auch Tiere sehen hier Ihre Chance und wandern in die Städte. Spannend im globalen Kontext: Die Arbeit des ICLEI – Local Governments for Sustainability. Auf der Website der Organisation findet sich ein Überblick der Aktivitäten zur Biodiversität im europäischen Raum. Über die Plattform findet noch dazu ein reger internationaler Austausch statt.

Fazit der Werkstatt

Die Metropole Ruhr kann aus ihrer Transformation heraus auch weitere Qualitäten entwickelt, die sich bereits heute in vielen Orten manifestieren, die ehemals durch die Schwerindustrie geprägt waren. Dies wird aber nicht die Lösung für eine globale Krise sein. Es besteht weiterhin ein großer Handlungsbedarf, die urbane Biodiversität auch als eine Grundlage für eine lebenswerte und klimaangepasste Stadt zu nutzen, und dabei auf die globale Situation positiv einzuwirken – direkt durch die Projekte, indirekt durch das entstehende Bewusstsein. Dabei bietet die fragmentierte Struktur der Metropole Ruhr und die aktuellen Aktivitäten zur Klimaanpassung einen potenten Handlungsrahmen, der auf der erfolgreichen bisherigen Transformation aufbauen kann: Die Metropole Ruhr als funktionierendes Ökosystem zu verstehen und auch als solche zu gestalten.

Text: Sebastian Schlecht
Foto: Bille Helbig

Ein Fuchs mitten im Bahnhof: auch, wenn es uns nicht immer unmittelbar bewusst ist, bieten unsere Städte Tieren und Pflanzen Lebensraum. Auch an Orten, an denen wir es nicht vermuten.


Neue Heimat: Ankommen in der Landschaft des Ruhrgebiets

Neue Heimat.
Ankommen in der
StadtLandschaft des
Ruhrgebiets

Omar Mohamad vergleicht für lala.ruhr die StadtLandschaft von Aleppo mit der von Mülheim an der Ruhr

Neue Heimat?

Jahr 2015. Der Wecker klingelt um 7 Uhr morgens. Draußen ist es noch dunkel. Ich möchte aus dem Bett raus, aber mein Verstand begreift nicht, dass der neue Tag begonnen hat. Und ich frage mich, hat der Tag schon begonnen? Vielleicht träume ich noch? Warum ist es immer noch dunkel. Ich bin daran gewohnt ein wenig Helligkeit wahrzunehmen, um den Tag zu beginnen. Irgendetwas in mir scheint nicht begreifen zu wollen. Morgens Licht zu haben, das ist für mich ein Gefühl von Heimat. Meine Heimat ist jedoch 2.936 km entfernt. Tiefe Einsamkeit überkommt mich in der morgendlichen Stille. In der Dunkelheit ist man immer nur allein einsam. Es ist mein erster Winter in Deutschland. Ich komme aus Syrien. Dort geht im Winter die Sonne um 6:30 Uhr auf. Mit den ersten Sonnenstrahlen erwachen die Menschen aus ihrer Traumwelt und beginnen den neuen Tag. Aber hier in Deutschland klingelt ein Wecker. Ich muss aus dem Bett und meinen Verpflichtungen nachgehen. Ich stehe auf und bereite mich vor. Ich ziehe mich warm an, nehme meine Tasche und verlasse die Turnhalle, in der ich mit vielen anderen untergebracht bin. An der Bushaltestelle warte ich nun auf den Bus. Es ist kalt und dunkel. Ich steige in den Bus ein und es ist immer noch dunkel. Ich frage mich: ist das ein Traum oder die Wirklichkeit? Träume ich oder wird es nochmal hell? Sollte es dunkel bleiben, dann träume ich. Ich schaue aus dem Fenster und betrachte die Häuser. Sie sehen aus wie die Häuser meiner Kindheit. Häuser die ich als Kind in Cartoons gesehen habe. Für mich sehen hier alle Häuser gleich aus. Ich schließe meine Augen und erinnere mich an die Häuserfassaden meiner Heimat. Ich öffne meine Augen. Ich bin endlich angekommen. Ich steige aus dem Bus und überquere die Straße. Bin ich das denn wirklich, angekommen? Wann ist ein Mensch in Deutschland eigentlich angekommen? Auf meinem Weg zur Sprachschule laufe ich durch einen Park und bleibe plötzlich stehen. Ich betrachte den Rasen. Das tiefe Grün fasziniert mich und hält mich für einen Moment lang fest. So ein sattes Grün kannte ich bisher nicht. Niemand der aus Syrien kommt kennt so ein Grün. Das Grün meiner Heimat ist ein anderes Grün und so frage ich mich, ob ich jemals hier ankommen werde. Es ist jetzt beinahe hell und es steht nun also fest, alles hier ist kein Traum!

Alte Heimat!

Aleppo ist eine sehr alte Stadt, die bereits drei Mal in Kriegen zerstört und wieder errichtet wurde. Nun ist sie wieder einmal zerstört. Der Unterschied zwischen Arm und Reich ist sehr groß. Hier findet man eine bunte Vielfalt an Kulturen, ethnischen Herkünften und Religionen. Araber, Kurden, Aramäer, Armenier, Assyrer, Tscherkessen und Turkmenen. Viele dieser Menschen sind Nachfahren von Vertriebenen aus dem 19. und 20. Jahrhundert. Aleppo ist zu ihrer Heimat geworden. Die Menschen leben dort dicht zusammen und alle 100 Meter ändert sich das Stadtbild vollständig. In jedem Haus leben oftmals wesentlich mehr Familien als in Deutschland. Die Häuser in Aleppo haben grundsätzlich keine Schrägdächer. Man kann somit über große Teile der Stadt blicken. Jede Wohnung hat einen Balkon, der groß genug ist für die ganze Familie. Es ist für uns selbstverständlich, morgens zusammen einen Kaffee auf dem mit zahlreichen Pflanzen beschmückten Balkon zu genießen. Es gibt hinsichtlich der ethnischen Herkunft sehr vermischte Straßenzüge und andererseits auch Quartiere mit weniger bis gar keiner Vermischung. Jedenfalls ist die kulturelle Identität der Stadt geprägt durch Vielfalt und Toleranz. Was ich an Aleppo vermisse, ist die lebendige Vielfalt der pulsierenden Metropole, die vielen Gerüche, das gute Essen und natürlich meine Familie und Freunde. Aleppo ist nicht nur die größte Industriestadt, sondern auch die Kulturhauptstadt des Landes. Die Stadt hat sich in der Moderne schnell entwickelt, ohne auf die Umwelt zu achten. Es gab Nachlässigkeiten und Versäumnisse. Wohngebiete und Industriegebiete sind dadurch vermischt. Erst spät kam man auf die Idee ein Industriegebiet außerhalb der Stadt einzurichten, um die Lebensqualität der StadtbewohnerInnen zu erhöhen. Dieses liegt nun einige wenige Kilometer entfernt im nordöstlichen Teil der Stadt. Ich habe damals bei der Stadtentwicklung in Aleppo gearbeitet. In der geschichtlichen Entwicklung der Stadt hatte sich die Industrie direkt im Stadtgebiet ausgebreitet. Eine große Herausforderung meiner Arbeit war es, die angesiedelten Unternehmen davon zu überzeugen das neu entstandene Industriegebiet zu nutzen.

Neue Ideen für meine neue Heimat

Jahr 2021. Ich steige aus dem Bus. Endlich angekommen in Deutschland. Ich fühle mich frei! Keine Angst mehr, keine Sorgen! Ich fühle mich frei, meine Meinung zu äußern ohne zensiert, verfolgt oder gar gefoltert zu werden. Für mich ist die deutsche Demokratie wie die Luft zum Atmen. Auch an die winterliche Dunkelheit habe ich mich gewöhnt und das satte Grün des Rasens ist nun das Grün meiner neuen Heimat! Doch wenn ich so durch die Straßen laufe, frage ich mich, warum man nicht mal eine autofreie Innenstadt einrichten kann oder zu mindestens einen autofreien Tag. Diese Straßen erinnern mich an die Straßen Aleppos, die auch nicht besonders sauber sind. Aleppos Straßenbild ist nicht grüner als in Mülheim, allerdings gibt es dort sehr große Parks. Am Bahnhof und der Mülheimer Innenstadt sind viel Betonbauten zu sehen. Die Ruhr als grüne Lunge rettet das Stadtbild. An einem Samstag im Monat trafen sich damals Einwohner und Nichteinwohner aus selbstständiger Initiative heraus, um gemeinsam die Straßen zu säubern. Anschließend wurde gemeinsam gegessen, getrunken und gefeiert. Auf diese Weise kamen die Menschen verschiedenster ethnischer Herkunft miteinander in Kontakt und es entstanden auch Freundschaften. So etwas hier in Mülheim als interkulturelle Initiative zu etablieren wäre großartig. Ich fahre weiter mit dem Metropolrad zu meiner neuen Arbeit. Nach der absolvierten Ausbildung zum Veranstaltungskaufmann am Ringlokschuppen, bin ich nun Mitarbeiter am Theater an der Ruhr in Mülheim an der Ruhr. Die Straße ist gut, aber es gibt immer noch Löcher und die Bordsteine machen es auch nicht einfacher. Viele Autofahrer nehmen keine Rücksicht und beanspruchen die Straße für sich. Ein flächendeckender Ausbau der Fahrradwege könnte vorangetrieben werden. Es ist schwierig für mein Fahrrad einen sicheren Abstellplatz zu finden, viele Stellplätze sind mit alten, vergessenen Rädern belegt. Ich kann es immer noch nicht fassen. Vor einiger Zeit wurde mir mein Fahrrad gestohlen, und zwar direkt vor dem Gebäude des Ordnungsamtes. Ein Abstellplatz mit einer für den Dieb unüberwindbaren Sicherheitstechnik. Das wäre es! Ich fahre weiter eine kurze Passage an der wunderschönen Ruhr entlang. Wie ruhig und friedlich doch alles hier ist. Zum Traum fehlt nur noch mediterranes Wetter und kristallklares Wasser!

Omar Mohamad (*1989) ist an interkulturellen Projekten und einem Miteinander statt Nebeneinander interessiert. Er studierte in Syrien Betriebswirtschaftslehre und machte in Deutschland eine Ausbildung zum Veranstaltungskaufmann. Seit 2016 engagiert er sich ehrenamtlich in diversen Projekten im Ruhrgebiet, unter anderem bei der “Freien Universität Oberhausen”, einem soziokulturellen Bildungsprojekt. Außerdem ist er Mitglied der Grün-Bunte-Liste für den Integrationsrat der Stadt Mülheim. Seit September 2020 ist er für PR und Audience Develpment im Collective Ma’louba am Theater an der Ruhr zuständig.


Jetzt anmelden: Werkstatt „Urbanes Gärtnern“ am 6. Mai!

Anmelden
für die Werkstatt
Urbanes Gärtnern!

Während unseres Festival der Landschaft der Metropole Ruhr musste die Werkstatt “Urbanes Gärtnern im Ruhrgebiet” krankheitsbedingt leider ausfallen.

Wir freuen uns, euch nun den Nachholtermin ankündigen zu können:
Am Donnerstag, 6.Mai, von 15-17 Uhr stellen Jonas Runte und Nils Rehkop von den Urbanisten aus Dortmund digital per Zoom verschiedene Formen des urbanen Gärtnerns vor und geben einen Überblick über die Szene im Ruhrgebiet. Dabei soll es auch darum gehen, vor welchen Hürden und Herausforderungen Menschen stehen, die gemeinschaftlich in der Nachbarschaft gärtnern wollen. Anschließend werden gemeinsam Vorschläge und Ideen diskutiert, wie die Bedingungen zur Entstehung und zum dauerhaften Bestand dieser Gärten verbessert werden können.

Wer dabei sein will, kann sich hier kostenfrei anmelden! Die Registrierung steht dabei allen offen – egal, ob zum ursprünglichen Festival-Termin bereits angemeldet oder nicht.

Foto: Luisa Gehnen/die Urbanisten e.V.

Verschiedene Formen des urbanen Gärtnerns stehen im Mittelpunkt des Workshops.


"Wildes Ruhrgebiet" stellt sich vor

momente
der
stadtnatur

Das Projekt “Wildes Ruhrgebiet” stellt sich vor

Auf den ersten Blick drängt sich das Ruhrgebiet nicht gerade als Arbeitsumfeld für Naturfotografen auf. Dennoch – oder gerade deswegen – haben sich einige Naturfotograf:innen, die im Ruhrgebiet aufgewachsen sind oder inzwischen hier leben, in dem Fotoprojekt „Wildes Ruhrgebiet“ zusammengeschlossen. Gemeinsam möchten sie mit ihren Aufnahmen zeigen, dass es im Ruhrgebiet sehr wohl naturnahe Räume und allerlei Schönes zu entdecken gibt. Natürlich fehlt es an der großflächigen Wildnis, die es mittlerweile überall auf dem Globus schwer hat. Aber zwischen Einkaufszentrum, Schwerindustrie, Verkehrswegen und dem allgegenwärtigen Ruhrpöttler gibt es überall kleine Areale, auf denen sich so manches Kraut und noch mehr Tiere heimisch fühlen.

Diese möchte Wildes Ruhrgebiet vor Augen führen, sie sichtbar machen und damit für sie das Wort erheben. Was eben auch bedeutet, auf die Lebensräume aufmerksam zu machen, die die Natur braucht und die tatsächlich auch da sind.

Copyright: Sabine Fabritz (Wildes Ruhrgebiet)

So gibt es etwa ausgesprochen naturnahe Wälder und sogar noch frei mäandrierende Bäche wie den Rotbach, der von Bottrop über Oberhausen bis nach Dinslaken in den Rhein fließt. Ein solches Gewässer ist in ganz Norddeutschland rar geworden. In den Auwaldresten der Ruhr jagen Reiher und Eisvogel, und auf den an das Ruhrgebiet überall angrenzenden Acker- und Wiesenflächen begegnen uns Hase und Reh. Fast wie überall sonst in Deutschland auch, wenn da nicht immer Hausdächer und die Schornsteine und Schachtanlagen im Hintergrund in Erscheinung treten würden.

Copyright: Stefan Fabritz (Wildes Ruhrgebiet)

Aber auch im Schatten der Industrieanlagen und ihrer Ruinen, an Bahngleisen, in unserer direkten Nachbarschaft auf dem Balkon und im Garten gibt es Leben. Diese kleineren Lebensräume gilt es vermehrt zu porträtieren, da solche Flächen zumeist überhaupt nicht als Biotop wahrgenommen werden. Dabei stellen gerade unsere Industriebrachen einen Landschafts- und Lebensraumtyp dar, den es so fast nur im Ruhrpott gibt und der für viele spezielle Arten eine letzte Zufluchtsstätte darstellt, da ihre eigentlichen, ursprünglichen Heimstätten längst verschwunden sind. Ohne Industriebrachen verlieren wir diese Arten vollends, aber auch das typische Charaktergesicht des Ruhrgebiets. Und damit auch ein Stück von dem, was uns hier ausmacht.

Wenn Sie einmal selbst im Ruhrgebiet auf Entdeckungstour gehen wollen, bieten sich viele Orte dafür an. Ganz im Westen liegen die Rheinauen in Walsum, wo man etwa einen Blick in einen Storchenhorst werfen kann. Von den vielen Spazierwegen entlang der Gewässer kann man zudem verschiedene Wasservögel beobachten.

Einen besonders atmosphärischen Morgen kann man auch an der Ruhr im Bochumer Süden bzw. bei Witten erleben, wenn im Frühjahr oder Herbst der Nebel im Ruhrtal liegt.

Copyright: Stefan Fabritz (Wildes Ruhrgebiet)

Aber auch inmitten der Industriekultur gibt es Natur zu entdecken. Hoch oben auf dem Förderturm der ehemaligen Bergwerksanlage der Zeche Nordstern etwa brütet der Wanderfalke in schwindelnder Höhe. Und im La Pa Du (Landschaftspark Duisburg Nord) lassen sich auf den Bahngleisen und den Aufschüttungen sowie an den Gebäuden zahlreiche Mauereidechsen finden. Zur richtigen Jahreszeit ertönt hier das Konzert der Kreuzkröten, die hier wie auch auf anderen brachliegenden Industrieflächen in kleinsten Gewässern zu Hause sind. Mit Geduld und behutsamen Verhalten lassen sich die Tiere nicht nur beobachten, sondern auch hervorragend fotografieren. Zudem zeigt sich hier sehr schön, wie verschiedene Wildpflanzen selbst die kleinsten Nischen zu ihrem Lebensraum machen.

Gute Fotomöglichkeiten finden sich überall dort, wo die Tiere an den Menschen gewöhnt sind und daher wenig Scheu zeigen. Etwa an den zahlreichen Parkgewässern, Parkanlagen und Naherholungsgebieten sowie den für unserer Region üblichen renaturierten Bergehalden. Hier wären als Beispiel die Abtsküche in Heiligenhaus, der Phönixsee in Dortmund, der Stadtteich in Bottrop und die Ruhraue in Essen-Heisingen zu erwähnen. Die besten Fotoergebnisse erzielt man mit Telebrennweiten ab 200 mm. Aber aufgrund der Vertrautheit der Tiere mit den Besuchern, sind durchaus auch Aufnahmen mit dem Smartphone möglich.

Wir wünschen auf jeden Fall allen interessierten viel Spaß beim Entdecken der Natur vor der Haustür.

Ein Zechenturm steht stellvertretend für die Industriekultur im Ruhrgebiet. Der Wandel zu mehr grün symbolisiert das singende Rotkehlchen auf dem Turm.

Text: Markus Botzek + Stefan Fabritz (Wildes Ruhrgebiet)

Zwischen Einkaufszentrum, Schwerindustrie und Verkehrswegen gibt es überall kleine Areale, auf denen sich so manches Kraut und noch mehr Tiere heimisch fühlen.


Plädoyer für eine starke Landschaftsarchitektur

Raumprägend und
verknüpft mit großen
Zukunftsfragen

Plädoyer für eine starke Landschaftsarchitektur

Wenige Berufszweige sind so raumprägend wie die Landschaftsarchitektur. Sobald wir uns draußen bewegen, befinden wir uns bereits mitten im Arbeitsfeld von Landschaftsarchitekt:innen – ob im Park, auf dem Spielplatz oder Schulhof, auf dem Radweg oder auf dem Marktplatz im eigenen Quartier. Trotzdem können nur wenige Menschen den Beruf wirklich einordnen, teilweise gilt er sogar als „exotische Nische“. Wer als Landschaftsarchitekt:in nach Feierabend im Freundes- und Bekanntenkreis von der eigenen Arbeit erzählt, wird mitunter gefragt, warum es ein Studium braucht um „ein Spielgerät oder eine Sitzbank aufzustellen“.

Woran das liegt?

Zum einen liegt daran, dass viele Bauherr:innen glauben, unsere Tätigkeit gleich übernehmen oder an Fachfremde delegieren zu können: „Das Außengelände machen wir eben schnell noch mit.“ Oder sich die Freiflächen einverleiben und betonieren. Die verbleibenden Quadratmeter sind dann im Grunde nur noch als Restflächen zu bezeichnen – der Ursprung sperriger Begriffe wie Abstandsgrün und Seitenstreifen. Und dafür braucht man dann doch schließlich keine Expert:innen, oder?

Dabei wächst das Aufgabenfeld Landschaftsarchitektur stetig an, es wird nicht zuletzt durch den fortschreitenden Klimawandel immer größer und drängender. Gut gestaltete, ausreichend dimensionierte und funktionierende StadtLandschaften befriedigen elemantare Bedürfnisse – die Pandemie führt uns allen gerade erst vor Augen, wie wertvoll grüne Freiräume sind.

Die Anforderungen an multifunktionale StadtLandschaften werden immer vielfältiger und umfassender:

Als Raum für Menschen sollen sie Begegnung ermöglichen (Freiraum ist immer auch Sozialraum) sowie der Bewegung und damit der Gesundheit dienen.

Aus klimatischer Sicht steht das Abfedern des Klimawandels im Vordergrund (Regenwassermanagement leisten, Kaltluftschneisen erhalten, anfallendes Regenwasser in Städten lokal aufnehmen und speichern nach dem Modell der Schwammstadt, etc.).

Mobilität für Alle ermöglichen (Mobilitätswende, Radschnellwege, transformierte Straßenräume, etc.).

Raum für Tiere und Pflanzen erhalten (Biodiversität fördern, Lebensraum Stadt).

Das Berufsbild Landschaftsarchitekt:in hat sich also in den vergangenen zwanzig Jahren enorm erweitert und ist ganz aktuell mit vielen Zukunftsfragen verknüpft. Die Landschaftsarchitektur als integrierende Disziplin stellt sich diesen Aufgaben, bringt Expert:innen zusammen und findet oft zukunftsweisende Lösungen für herausfordernde Fragestellungen – und das, obwohl die Disziplin in der öffentlichen Wahrnehmung weiter nur im Hintergrund agiert. Als gestaltende Disziplin ist die Landschaftsarchitektur darüber hinaus an ästhetischen und gleichzeitig technischen Lösungen interessiert – wie viele Berufsfelder basieren schon auf einem solchen herausfordernden Spagat?

Musterlösungen für viele der neuen Herausforderungen, die sich aus der Pandemie und den klimtischen Veränderungen ergeben, gibt es noch nicht. Dementsprechend wird in den nächsten Jahren viel Mut gebraucht – von Seiten der Planung genauso wie bei Kommunen und Auftraggeber:innen, um Modelllösungen auszuprobieren und neue landschaftliche Standards zu setzten und veraltete Vorstellungen von Straßenbegleitgrün aufzubrechen.

Wir brauchen eine kooperative Berufspraxis, um Lösungen zu entwickeln, die uns weiterbringen. Und wir benötigen vor allem auch mehr junge Menschen, die diesen wundervollen und wenig bekannten Beruf wählen – in den Datenbanken zur Berufsberatung von Schüler:innen kommt er mitunter gar nicht vor – weil er spannend ist und so viele Herausforderungen bietet.

Als Gesellschafterin eines Planungsbüros treibt mich außerdem die Ausbildungssituation speziell im Ruhrgebiet um: Ein riesiger, transformativer Ballungsraum ohne einen einzigen Landschaftsarchitektur-Studiengang. Eine vertane Chance für die Region, da gerade Studierende es sind, die frische Ideen für ihr Umfeld entwickeln – über die bekannten Lösungen hinaus.

Isabella de Medici hat Landschafts- und Freiraumplanung in Hannover und Barcelona studiert und lebt seit über 20 Jahren im Ruhrgebiet. Seit 2017 ist sie Gesellschafterin bei der Planungsbüro DTP Landschaftsarchitekten GmbH, hat einen Lehrauftrag bei der FH in Dortmund, ist Sprecherin für Freiraum beim bdla nrw und Teil des Teams von lala.ruhr. 

Wenige Berufszweige sind so raumprägend wie die Landschaftsarchitektur. Trotzdem gilt er als „exotische Nische“.
Foto: Planungsbüro DTP Landschaftsarchitekten, Essen


Im Gespräch mit Daniel Bartel von SEND NRW

"Social Entrepreneurs
benötigen andere
Rahmenbedingungen"

lala.ruhr im Gespräch mit Daniel Bartel von SEND NRW

Wie definiert das Social Entrepreneurship Netzwerk (SEND) Sozialunternehmertum?

Sozialunternehmer:innen – oder Social Entrepreneurs – sind Menschen, die ihre Kreativität, ihre Risikobereitschaft und ihren unternehmerischen Geist einsetzen, um innovative Ansätze zur Überwindung gesellschaftlicher Probleme zu entwickeln und zu verbreiten. Das primäre Ziel von Social Entrepreneurship ist also die Lösung gesellschaftlicher Herausforderungen. Dies wird durch die kontinuierliche Nutzung unternehmerischer Mittel erreicht und resultiert in neuen und innovativen Lösungen. Dabei steht der soziale beziehungsweise ökologische Mehrwert immer im Vordergrund, Gewinne werden als Mittel zum Zweck gesehen, gesellschaftliche Ziele intern und extern gelebt. Die Arbeit zielt also auf Wirkung, nicht primär auf Gewinn ab. Dies wird durch eine steuernde sowie regulierende Dimension gewährleistet.

Während in zahlreichen Ländern, allen voran Großbritannien, der Sektor des Social Entrepreneurship stark besetzt ist, schneidet Deutschland mit Blick auf die Daten aus dem Atlas of Social Innovation verhältnismäßig schlecht ab. Woran liegt das?

Vor allem daran, dass hierzulande sehr stark unterschieden und getrennt wird zwischen Gemeinwohl, Gemeinnützigkeit sowie Gewinnorientierung. Unternehmertum wird dementsprechend regulatorisch per se mit kapitalistischer Gewinnerzielungsabsicht verbunden, nicht mit dem einem sozial-innovativen Wirkungsgrad. Ein gutes Beispiel an dieser Stelle ist Viva con aqua, ein internationales Netzwerk, gegründet in Hamburg, das sich für einen sicheren Zugang zu sauberem Trinkwasser und sanitärer Grundversorgung einsetzt. Das Unternehmen macht Umsatz und setzt ihn für soziale Zwecke sein – nach den deutschen Richtlinien ist hier schwer zu definieren, ob Gemeinwohl-Orientierung oder Gewinnorientierung vorliegt.

Laut SEND steckt Social Entrepreneurship insbesondere in Nordrhein-Westfalen und damit auch dem Ruhrgebiet noch in den Kinderschuhen. Warum?

Hier greift das oben beschriebene Problem: In Nordrhein-Westfalen wird seitens der Politik noch nicht anerkannt, das Social Entrepreneurs andere Rahmenbedingungen benötigen und andere Ziele verfolgen als klassische Unternehmen. Während Unternehmer:innen sich primär danach orientieren, Gewinne zu erzielen und mit diesen weitere Arbeitsplätze schaffen, haben Sozialunternehmer:innen sich das Ziel gesetzt, wirkungsorientiert zu arbeiten und sich damit obsolet zu machen, sobald das Problem gelöst ist. Weil Gewinne sowie Gemeinwohl bisher getrennt bedacht werden, fehlen in NRW noch die Unterstützungsangebote und Förderprogramme für angehende Social Entrepreneurs. Andere Bundesländer, beispielsweise Hessen, sind bereits einen Schritt weiter. Hier gibt es das Förderprogramm Sozialinnovator, das Beratung und finanzielle Ressourcen bietet für Unternehmer:innen ohne kapitalistische Gewinnerbringungsabsicht. Lediglich in einigen Kommunen, beispielsweise Dortmund, gibt es mit dem Start Grow-Programm positive Ausnahmen. Auch der Impact Hub in Essen fördert Social Innovation. Aber grundsätzlich fehlt sozusagen noch die Infrastruktur. Hier sind Struktur-Investitionen seitens der Politik dringend notwendig, weil sie ein gewinn-orientierter Markt ungern bereitstellen wird.

Was bräuchte es noch, neben Beratung und Anschubfinanzierung für Gründer:innen?

Angepasste Verfahren des Bundes und der Länder. So findet behördlicher Einkauf von Material und Dienstleistungen in der Regel nach dem Kriterium des günstigsten Preises statt. Soziale Kriterien werden nicht mitgedacht oder stehen nur an zweiter Stelle. Diese könnten aber dazu führen, das Sozialunternehmer:innen häufiger zum Zug kommen.

Ein spannender Aspekt, bei dem sich erneut der Blick nach Großbritannien lohnt. Unter dem Ansatz des „Community Wealth Buildings“ werden solche Aspekte zunehmend mehr Städten, darunter Preston als Vorreiter, bedacht. Bei der kommunalen Vermögensbildung geht es um die Schaffung einer widerstandsfähigen und integrativen Wirtschaft zum Nutzen des lokalen Gebiets. Im Großraum Liverpool wiederum gibt es über 80 Sozialunternehmen mit explizitem sozialräumlichem Ansatz. Die Bandbreite reicht von einem Waschsalon als Community Hub über eine genossenschaftlich organisierte Bäckerei bis hin zu The Womens Organisation, einem Sozialunternehmen, das unter anderem über Workshops und Coachings den beruflichen Weg von Frauen als Gründer*innen fördert und unterstützt.

Ja, genau solche Ansätze benötigen wir auch hier. Gerade Behörden können über ihren Haushalt steuern. Der Gemeindekreis Höxter arbeitet gerade beispielsweise an einer Gemeinwohlbilanzierung. Aktuell gibt es sogar eine Petition, die das Bilanzieren nach Gemeinwohl für öffentliche Einrichtungen ermöglichen soll. Außerdem zeigt sich anhand dieser Beispiele auch eine strukturelle Dimension. Nach welchen Regeln soll das Ruhrgebiet künftig wirtschaften, soll weiterhin nur der Profit im Vordergrund stehen? Oder sorgen wir dafür, das gemeinwohlorientiertes Unternehmertum sowie Gemeinwohl-Innovation aktiv gefördert wird – durch entsprechende Auflagen bei Vergabe und Genehmigung. Bis hin zu einer überzeichneten Vision: Dürfen künftig nur noch Waschsalons mit sozialräumlichem Ansatz eröffnen?

Sollte die öffentliche Hand hierfür mehr Kooperation und Kollaboration wagen?

Unbedingt. Open Social Innovation ist hier das Stichwort. Mit dem Update-Deutschland-Hackathon ist auf Bundesebene gerade ein gutes Beispiel hierfür gestartet. Der klare Vorteil liegt darin, dass Behörden sehr langsam agieren, Unternehmer:innen hingegegen schnell und pragmatisch. Wichtig dabei allerdings: sich als Institution als neutrale, wirksamkeitsorientierte Plattform verstehen, auf potenzielle Partner:innen wie den Impact Hub Ruhr zugehen, klare Regeln formulieren. Zum Beispiel: Der Gewinn muss im Ruhrgebiet und den Strukturen vor Ort bleiben.

lala.ruhr legt den Fokus auf grüne Infrastruktur und kooperative Landschaftsentwicklung. Ein Thema für Social Entrepreneurs?

Definitiv! Gerade in der Forstwirtschaft spielen Social Startups derzeit eine große Rolle. Aktiv beflanzen und umgestalten – da sind viele Modelle denkbar, die moderne Mittel und Technologien mit Herausforderungen wie der Begrünung unserer Städte verbinden.

Zum Abschluss nochmal ein Blick über den Rand des Ruhrgebietes hinaus: Welche nationalen und internationalen Beispiele sollten wir im Blick haben?

Das EU-geförderte Programm BRESE (Border Regions in Europe for Social Entrepreneurship) und Las Vegas als eine Stadt, in der die zunehmende Zahl von Casinos strukturell viel zerstört hat. Social Entrepreneurs setzen nun an, die Stadt neu aufzubauen.

Und noch eine persönliche Frage: Warum bist du Social Entrepreneur?

Weil ich dafür brenne und glaube, dass wir in unserer Gesellschaft unheimlich viele Potenziale haben, um Probleme zu lösen, und zwar im ökologischen und ökonomischen Einklang. Lebenswert, regenerativ und mit Respekt für alle zukünftigen Lebensformen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Interview: Sonja Broy  

Daniel Bartel ist Brückenbauer zwischen Realität und einer gemeinwohlorientierten Zukunft, Social Innovator und NewWork-Pionier make it – einem Netzwerk aus 100 Gründer*innen, welches weltweit bereits über 1.000 (Social) Startup-Teams etablierter Unternehmen beflügelte. Daniel hat drei Bücher herausgegeben, beschäftigt sich als Changemaker mit den wesentlichen Fragen verantwortungsbewusster Geschäftsmodelle in einer digitalisierten Gesellschaft und ist Organizer der Unfuck Düsseldorf. Er wurde kürzlich unter die “Top 40 unter 40 – Macherinnen und Macher im Rheinland” gewählt


Werkstattbericht: Kreative Brachflächennutzung - Blaupausen für Raumpioniere

Werkstattbericht:
kreative brachflächennutzung -
blaupausen für raumpioniere

Raumaneignung durch kreative Pionier*innen – wie ist das möglich, wie funktioniert das im Ruhrgebiet? Darüber haben sich mit Svenja Noltemeyer (Büro für Möglichkeitsräume, Urbanisten e.V.), David Coerdt (Pandora2.0) und Frank Münter (Transition Town Essen) im Kontext des lala-Festivals drei Aktivist*innen ausgetauscht, die bereits seit vielen Jahren Verantwortung für Brachflächen übernehmen und für eine Do-it-yourself-Mentalität in der Stadtentwicklung werben.

Ausgangspunkt der Debatte: die vor fast 20 Jahren im Ruhrgebiet lancierte aber nie umgesetzte Projektidee „land for free“, die experimentelle, kreativ-unternehmerische Projekte ermöglichen sollte, um Brachflächen im damals noch schrumpfenden Ruhrgebiet zu beleben. Außerhalb von Bauordnung und Restriktionen sollten Zwischenflächen Raumpionier*innen mit innovativen Ideen zur Verfügung gestellt werden, um soziale wie wirtschaftliche Effekte zu erzielen. Eine Idee, die offiziell nie zum Tragen kam – und nun in Do-it-yourself-Manier an verschiedenen Stellen des Ruhrgebietes umgesetzt wird.

Wandel durch Kultur, Kultur durch Wandel

Raumplanerin Svenja trägt die Idee im Kern weiter und schafft mit ihrem Büro für Möglichkeitsräume und den Dortmunder Urbanisten Rahmen zur Umsetzung von Ideen. Durch Vernetzung, Kooperationen sowie Unterstützung bei Förderanträgen soll es den Menschen in der Stadt ermöglicht werden, ihre Umwelt aktiv mitzugestalten.

„Lebenswerte Städte werden durch Menschen vor Ort gemacht. Durch den Behördendschungel kommt man allein aber nur sehr schwer. Um Strategie der Europäischen Kulturhauptstadt RUHR.2010 ‚Wandel durch Kultur, Kultur durch Wandel‘, die Stadt der Möglichkeiten und Kreativität weiterzuführen, braucht es bessere Strukturen im Ruhrgebiet. Den Menschen muss es leicht gemacht werden, sich für ihre Stadt einzusetzen.“  (Svenja)

Die selbstwachsende Stadt als DIY-Angebot

Im Dortmunder Norden arbeitet seit Längerem David, der für Pandora 2.0 eine Fläche gemietet hat, auf der eine „selbstwachsende Stadt“ unter den Aspekten des Upcycylings und der Klimaneutralität aus Seecontainern entstehen soll. So wird zur Gestaltung der Gemeinschaftsflächen auf ausgediente Festivaldeko und recycelte Baumaterialien zurückgegriffen, die per Fahrradanhänger transportiert wird.

„Pandora2.0 ist ein Ort, an dem sich jede*r frei entfalten kann. Ein Ort für Kultur, Austausch und Begegnung, der nach den Bedürfnissen der Menschen wachsen kann. Keine Partyfläche, sondern ein Vernetzungsort zum Entwickeln und Voranbringen von gemeinsamen Ideen und Projekten, an dem sich Freigeister treffen.“ (David)

Auf dem angemieteten ehemaligen Gewerbeareal soll sich Pandora2.0 durch das stetige Andocken von weiteren Containern weiterentwickeln – kein leichtes Vorhaben mit Blick auf die Gesetzeslage in Deutschland. Derzeit agiert David als Privatpersonan der Schaffung von Rechtssicherheit in Bezug auf eine feste, gewerbliche Nutzung und eine Konzession für Veranstaltungen, die finanzielle Sicherheit bringen soll.

Macher*innen und Ermöglicher*innen

Frank kommt aus der „Gemeinschaftsgarten-Ecke“ und hat sich mit seinen Mitstreiter*innen in Essen-Altenessen der weltweiten Transition-Town-Bewegung angeschlossen, die möglichst viele Menschen dazu bewegen will, in ihrer Umgebung anders zu handeln und zu wirtschaften. In Altenessen werden durch ihn und sein Team brachliegende, vermüllte Grundstücke durch mobile Gartenelemente wie Hochbeete in grüne Kleinode verwandelt.

„Wir helfen mit Wissen, Herz und Hammer und wollen als Transition Town unsere Viertel aufwerten, trostlose, lieblose, verwahrloste Plätze wieder mit positivem Leben füllen.“ (Frank)

Dabei kooperiert Transition Town mit der Stadt Essen. „Wir werden sehr gut unterstützt“, so Frank. Denn die Stadtverwaltung sehe die Vorteile: Flächen, die durch Transition Town für einige Jahre gestaltet werden, müssen von städtischer Seite nicht mehr gepflegt werden. Transition Town hat eine dementsprechende Abmachung in der Verwaltung bekommt z.B. aufgegebene Spielplätze angeboten.

Die Aktivist*innen von Pandora2.0 hingegen haben im Umgang mit der Verwaltung und Politik andere Erfahrungen gemacht. David erinnert sich: Ursprünglich entstand die Idee in Lünen, wo wir ein richtiges Konzept vorgelegt haben, auf einer Halde, mit Kompostklo und Container. Da wurden wir belächelt, nach dem Motto „lass die Kinder mal machen.“ Sieben Jahre lang lag die Idee auf Eis, bevor David nach einem Umzug nach Dortmund im Jahr 2018 erneut Gespräche aufnahm, und im Februar 2019 mit einigen Mitstreiter*innen loslegte. „Das Projekt Kliemannsland in Niedersachsen hat mir dabei den Mut gegeben, meine Idee wieder aufzugreifen und in die Tat umzusetzen. Ich konnte zwei Jahre lang auf Youtube sehen, dass ein ähnliches Konzept funktioniert und angenommen wird. Derzeit versucht er verstärkt, mit der Emschergenossenschaft in Kontakt zu treten und – analog zum Konzept von Transition Town – zukünftig Flächen zu bespielen, diese nicht mehr länger verwalten und pflegen möchte, um dort beispielsweise Gemeinschaftsgärten mit Hochbeeten zu initiieren.

Aber kann eine Zwischennutzung, wie sie sowohl bei Transition Town als auch bei Pandora2.0 betrieben wird, wirklich nachhaltig sein? Immerhin stecken Pionier*innen viel Zeit und Ressourcen in Flächen, die dann unter Umständen nach wenigen Jahren durch Investor*innen oder Stadt bebaut und anderweitig genutzt werden. Klare Antwort: Ja, sie ist immer besser, als im Zustand des Nichtstuns zu verharren. Zudem setzten beide Initiativen auf mobile Elemente, die einfach auf neuen Flächen wieder aufgebaut werden können, so dass dort schnell wieder neue Erlebnisräume entstehen könnten.

Stadt der Zukunft mitgestalten

Die abschließenden Wünsche der drei Pionier*innen zur Schaffung von mehr Ermöglichungsräumen und -kultur können wie folgt zusammengefasst werden:

  1. Verwaltungen sollten bereit sein, brachliegende Flächen zur (temporären) Nutzung an entsprechende Netzwerke zu geben – eine Win-Win-Situation, da die Pflege durch die Kommune entfällt und Raumpionier*innen zugleich ihre Ideen testen können.
  2. Menschen, die ihre Stadt mitgestalten möchten, sollten sich leicht an ein Netzwerk von Raumpionier*innen wenden können, um einen niederschwelligen Einstieg ins Mitmachen zu erhalten.
  3. Es bräuchte die Möglichkeit, eine Anfangsinvestition zu erhalten, damit Akteur*innen ihre ehrenamtliche gemeinschaftliche Arbeit nicht aus ihrer privaten Tasche finanzieren müssen – hierbei kann ein Betrag wie 1.000 Euro bereits viel bewirken.
  4. Förderungen sollten ohne Auslagen-Vorkasse funktionieren, um nicht persönlich für die angagierte Gruppe ins Risiko gehen zu müssen.
  5. Es braucht Förderberatungen, um zu wissen, für welche Ideen es welche Mittel gibt und wie man es ermöglicht, dass auch Initiativen ohne eigene Rechtsform Anträge stellen können.

Wer das Festivalgespräch verpasst hat, bei dem unter anderem auch noch über die Erfahrungen mit Vandalismus bei kreativer Brachflächennutzung gesprochen wurde, kann sich die Aufzeichnung über den twitch-Kanal von Pandora2.0 anschauen:
www.twitch.tv/PandoraZweiPunktNull

Text: Sonja Broy
Foto: Pandora2.0

Raumaneignung durch kreative Pionier*innen – wie ist das möglich, wie funktioniert das im Ruhrgebiet?


Werkstattbericht: Grüne Wege, grüne Räume – neue Infrastrukturen für lebenswerte Städte

werkstattbericht:
grüne wege, grüne räume –
neue infrastrukturen für lebenswerte
städte

Wir brauchen weniger Parkplätze und mehr Radverkehr in unseren Städten – darin sind sich viele Stadtbewohner:innen, Initiativen und Planer:innen einig. Sollen hierfür allerdings Parkplätze verschwinden, münden sämtliche Planungsprojekte in schöner Regelmäßigkeit in erbitterten Debatten. Die Leitfrage der Festival-Werkstatt mit Robin Römer (cityscaper) und Jan van den Hurk (Radentscheid Aachen) lautete dementsprechend: Wie bringen wir fahrradfreundliche Infrastruktur auf die Straße und kommunizieren die Neuaufteilung und Aufwertung von Straßenraum?

Vor allem durch eine Kommunikation, die den Mehrwert der Umgestaltung für alle begreifbar macht – und dafür braucht es gute Argumente. Den Teilnehmenden wurde für Kleingruppen-Diskussionen in digitalen Break Out-Rooms jeweils eine Rolle zugewiesen. Spannend war hierbei, mitzuerleben, wie teilnehmende Verwaltungsmitarbeitende losgelöst von ihrer beruflichen Position in der Rolle als Bürger:in diskutieren und Bürger:innen die Sicht der Politik vertreten. Die Ergebnisse wurden in einem digitalen Whiteboard zusammengetragen, auf dem Argumente und Gegenargumente schnell ein buntes Zettel-Mosaik aus Rede und Gegenrede bildeten. Hier ein paar Auszüge der Diskussion:

  • Es fährt ja sowieso niemand Fahrrad!
    Wo kein Angebot, da auch keine Nutzer:innen.
    Bevor eine Brücke gebaut wird, zählt auch keiner, wie viele Menschen durch den Fluss schwimmen.
  • Bäume sind sehr kostenintensiv, brauchen Wasser, Pflege, verursachen Laub und Pollen.
    Stadtklima und Umweltschutz dürfen Geld kosten.
    Klimawandel-Adaptation durch Begrünung und weniger asphaltierte Flächen bietet Schutz vor Starkregen und lindert Hitzewellen.
  • Es fahren doch ohnehin alle Auto!
    Mehr Straßen führen auch zu mehr Autoverkehr, mehr Parkplätze zu mehr Autos.
    Der aktuelle Fokus auf Autos ist ungerecht, weil Menschen benachteiligt werden, die kein Auto haben/es sich nicht leisten können.
    Autoinfrastruktur ist teurer als Radinfrastruktur (weniger versiegelte Flächen, weniger Instandhaltungskosten), deshalb Paradigmenwechsel.

In einem zweiten Durchgang wurden anhand eines konkreten Falls verschiedene Querschnittsvarianten einer Straße diskutiert, einmal auch unter Einbezug von 3D-Visualisierungen. Im Rollenspiel zeigte sich, dass sowohl in der öffentlichen als auch der politischen Wahrnehmung in der Regel die Variante bevorzugt wird, die den meisten Parkraum bietet. Aber auch, dass durch die zusätzliche 3D-Visualisierung einer Allee der Mehrwert einer grünen Straße überhaupt erst verstanden und folglich nicht mehr anhand der bloßen Fakten geurteilt wird, beispielsweise in Bezug auf die Anzahl von Parkplätzen und Bäumen.

Der Tenor des Workshops: Durch klare und prägnante Kommunikation, die einen lebenswerten Raum für alle verständlich und begreifbar macht, können Widerstände abgebaut werden. Der Fokus sollte, auch durch unterstützende Visualisierungen, auf die positiven Seiten der Veränderung gelenkt werden – nicht auf bloße Zahlen, die den Menschen suggerieren, Ihnen würde „etwas weggenommen“.

Text: Sonja Broy
Visualisierung: cityscaper

Durch 3D-Visualisierungen wird der Mehrwert einer grünen Straße in der Regel überhaupt erst verstanden.


Werkstattbericht: Das SÖZ als Labor für eine grüne (Stadt-)Landschaft

Werkstattbericht: das söz
als labor für eine grüne
(stadt-)landschaft

An der Schnittstelle zwischen der Frage nach sozialer Gerechtigkeit und einer Reaktion auf die Klimakrise entstand die Idee eines sozial-ökologischen Zentrums (SÖZ) für Dortmund. Mila Ellee und Florian Heinkel haben in der von ihnen geleiteten Werkstatt während des Festivals der Landschaft aus den Gründungsumständen der noch jungen Initiative berichtet: Das SÖZ entstand als Idee zu den Kommunalwahlen im Herbst 2020, aus dem Zusammenschluss verschiedener Initiativen in Dortmund, z.B. der Hafeninitiative, der Fridays-for-Future-Bewegung Dortmund und dem Kollektiv „Dortmund von Unten“. Sie fußt auf Forderungen nach einem „Unabhängigen Zentrum Dortmund”.

Tatsächlich wurde im Rat der Stadt Dortmund bereits unabhängig von den Aktivitäten der Initiativen nach einer Vorlage von CDU und Grünen beschlossen, ein SÖZ in Dortmund mit Raumangeboten zu unterstützen. Das SÖZ soll die drängenden ökologischen und sozialen Fragen unserer Zeit thematisieren, Raum zum Diskurs bereitstellen, aber auch Gelegenheit bieten, mit kleinteiligen Experimenten die Zukunft der Stadt und des umgebenden Quartiers aktiv und tatkräftig mitzugestalten.

Leider konnte bisher keine passender Ort gefunden werden. Es stehen einige Anforderungen bereits fest, so besteht etwa der große Wunsch nach der Möglichkeit, unkommerzielle Veranstaltungen auszurichten; außerdem sollen Begegnungsmöglichkeiten geschaffen werden, um den Aktiven eine Basis für ihre gemeinwohlorientierte Arbeit zu ermöglichen.

Die zweite Hälfte des Workshops stand dann ganz im Zeichen der Entwicklung von Nutzungsideen und -anforderungen. Mittels eines Miro-Boards wurden gemeinsam Raumnutzungen für die bisher noch fiktive Immobilie und Ihre Umgebung gesammelt. Dabei wurde unter anderem der Wunsch nach Probe- und Arbeitsräumen formuliert, und der Bedarf nach unkommerziellen Floh- und Tauschmärkten. Allen erschien  wichtig, dass das SÖZ eine Küche bekommt, in der gemeinsam gekocht werden kann. Besonderes Gewicht in der Diskussion kam dem Außenbereich zu. So soll das SÖZ als ökologisches Projekt unbedingt einen Gemeinschaftsgarten besitzen – auch, um besser mit den Menschen aus der Nachbarschaft durch Natur und Ernährungin in Kontakt zu kommen.

Momentan ist die Initiative noch in der Gründungsphase. Eine Kerngruppe aus ca. 20 Personen trifft sich regelmäßig (aktuell digital) und ist immer offen für Personen, die sich für die Entwicklung des SÖZ engagieren wollen. Das SÖZ sollte verkehrsgünstig mit dem ÖPNV in Dortmund zu erreichen sein – auch Raumideen und Vorschläge sind sehr willkommen!

Kontakt über soez-do@riseup.net / Instagram: soez.dortmund / Twitter: @soez_dortmund

Text: Jan Bunse/Mila Ellen

Foto: Initiativkreis SÖZ

An der Schnittstelle zwischen der Frage nach sozialer Gerechtigkeit und einer Reaktion auf die Klimakrise entstand die Idee eines sozial-ökologischen Zentrums für Dortmund.


Credits: Ravi Seick

Werkstattbericht: Wie möchten wir mit der Landschaft im Ruhrgebiet umgehen?

Werkstattbericht:
Wie möchten wir mit der
Landschaft im
Ruhrgebiet umgehen?

Die Landschaft im Ruhrgebiet ist heterogen. Sie ist geprägt durch Industriebrachen, Nebeneinander von Stadt und Land, kleine grüne Oasen im urbanen Raum. Genauso vielfältig wie die fünf Millionen menschlichen Einwohner:innen, die von der Landschaft profitieren. Eine wichtige Frage, mit der wir uns als lala.ruhr-Team auseinander setzen möchten, ist die Frage nach unserem Umgang mit dieser besonderen Landschaft im Ruhrgebiet. Beim Festival der Landschaft haben wir im Rahmen eines Werkstattgesprächs genau diese Frage mit Frank Bothmann vom Referat für Landschaftsentwicklung und Umwelt des Regionalverband Ruhr und Dr. Ilka Mecklenbrauck von der Fakultät Raumplanung der TU Dortmund diskutiert. Durch das Gespräch geführt hat der Raumplaner Jan Bunse von den Urbanisten.

Klar ist, dass es Vorgaben und Maßnahmen braucht, um die Landschaft vor Eingriffen zu schützen und ihren Wert zu erhalten. Im Moment werden Ausgleichs- und Ersatzmaßnahmen bei Eingriffen in die Natur vor allem mithilfe von konkreten Bilanzierungen und Ökokonten festgelegt. Je nach Eingriff müssen diese A+E-Maßnahmen eine bestimmte Qualität haben und werden mit Ökopunkten auf den Ökokonten von privaten und öffentlichen Flächeneigentümer:innen gut geschrieben. Dieser sehr rechnerische Umgang mit der Landschaft führt zum einen zu einer “normierten Landschaft” und zum anderen zu einem tatsächlichen Geschäft mit der Landschaft, das durch Bauherr:innen und Flächeneigentümer:innen bestimmt wird.

Auf der anderen Seite sehen wir uns einer Flächenknappheit ausgesetzt, die sich nicht nur innerstädtisch bemerkbar macht, sondern auch im ländlichen Raum des Ruhrgebiets –  hoch emotionalisierte Debatten und ein immer höherer Druck auf die Freiräume sind oft die Folge. Insbesondere Landwirt:innen stehen häufig vor dem Problem des doppelten Flächenverlustes: Landwirtschaftliche Flächen sind von der Siedlungserweiterung betroffen und werden in diesem Zuge bebaut. Diese Bebauungen sind wiederum ausgleichspflichtig und für die notwendigen Ausgleichsmaßnahmen werden Ackerflächen genutzt. Da das ökologische Verbesserungspotenzial auf landwirtschaftlichen Flächen sehr groß ist, erhalten die Bauherr:innen für einen Ausgleich auf einer solcher Fläche sehr viele Ökopunkte auf ihrem Ökokonto.

“Das Feld schreit nach neuen Ideen.”

Auch im Gespräch und durch die Beiträge der Werkstattteilnehmenden ist vor dem Hintergrund des Status Quo im Umgang mit der Landschaft offensichtlich, dass Planende, Flächeneigentümer:innen und Bauherr:innen umdenken müssen und die Politik innovative Lösungswege ermöglichen muss. Frank Bothmann hat es dementsprechend auf den Punkt gebracht hat: “Das Feld schreit nach neuen Ideen.”

Wie genau diese Lösungswege und vor allem tiefgreifende Veränderungen im Umgang mit Landschaft realisiert werden können, ist derzeit noch offen. Denn dafür sind Gesetzesänderungen auf Bundesebene nötig, denen in der Regel ein langer Prozess vorausgeht. Nichtsdestrotrotz gibt es bereits Ideen und Vorschläge von Planenden, Forscher:innen und auch aus der Praxis.

Dazu gehört beispielsweie die Integration von Landschaft in den urbanen Raum, die Weiterentwicklung der ökonomischen Bewertung von Natur und der Fokussierung der Ökosystemleistungen, temporäre und flexible Strukturen für Freiräume, die produktive Bewirtschaftung von Landschaft oder das Verstänsnis von Landschaft als Kultur- und Integrationsraum. So attraktiv solche Ideen erst einmal klingen, so wichtig ist es in der Diskussion, auch die Fallstricke zu beachten. Ilka Mecklenbrauck plädiert in diesem Kontext dafür, potenzielle Nutzungskonflikte von vornherein in der Planung mitzudenken und der Landschaft mit einer angestrebten Multifunktionalität von Flächen nicht zu viel zuzumuten. Ein – in unseren Augen – besonders interessantes Konzept ist die Demokratisierung der Landschaft. Denn anders als bei Siedlungen geht der Landschaftsplanung derzeit kein demokratischer Prozess voraus und der Raum außerhalb der Siedlungsgebiete wird sehr funktional betrachtet. Unter anderem dieses Vorgehen kann zu Frust bei Aktiven führen, die sich nicht wahr- und ernstgenommen fühlen und aus deren Sicht Klima- und Naturschutz stark vernachlässigt wird. Weitere Lösungsansätze ist eine verstärke baukulturelle Bildung von Kindern und Jugendlichen, aber auch die Optimierung der Lehre an Hochschulen und Universitäten und das integrative Zusammendenken von Architektur, Ökologie und Klima.

Um diese Ideen und neue Wege nach vorne zu bringen, braucht es in den nächsten Jahren vor allem Lobbyarbeit, um den Umgang mit der Landschaft im politischen Diskurs zu verankern. Anknüpfungspunkte dafür sind natürlich die Diskussion um Klima- und Naturschutz, aber auch urbane Transformation und Stadt-Land-Beziehungen. Zudem können, laut Ilka Mecklenbrauck, vor der Verwirklichung der großen Vision auch schon kleine Schritte gegangen werden und temporäre Ansätze Erfolge zeigen. Eine wichtiger Aspekt ist auch die gesellschaftliche Kommunikation und Überzeugungsarbeit über Bilder statt über Verbote, um die emotionalisierte Debatte zu verhindern und alte Bilder aufzubrechen.

Text: Annette Bathen
Foto: Ravi Sejk

Credits: Ravi Seick

Die Landschaft im Ruhrgebiet ist heterogen. Wie wollen wir mit ihr umgehen?


Werkstattbericht: Watt denn nu? Gesucht: ein neues Narrativ für´s Ruhrgebiet

werkstattbericht:
watt denn nu?
gesucht: ein neues narrativ
für´s ruhrgebiet

Zugegeben, es war ein frecher Versuch: In zwei Tagen wollte lala.ruhr eine Übersicht über die Narrative des Ruhrgebiets kollaborativ erarbeiten. Die Zwischenbilanz: 60 Menschen, die teilweise simultan auf einer digitalen Pinnwand zusammenarbeiten, können ein strukturiertes Ergebnis erreichen. Im Rahmen des 1. Festivals der Landschaft entstand so eine Landkarte der Ruhrgebiets-Narrative (Das Board ist über Mural hier einsehbar). Abgebildet sind Dinge, die man sich aktuell über das Ruhrgebiet erzählt und – wichtiger – Vorschläge dazu, was einem denn in Zukunft als erstes in den Sinn kommen soll, wenn man ans Ruhrgebiet denkt.

Sehr unterschiedliche Menschen haben an dieser Karte mitgearbeitet: Wissenschaftlerinnen & Aktivisten, Marketeers & Leute aus der Verwaltung, Ruhris & Weltenbummlerinnen. Sie alle haben sich um eine einfache Sprache bemüht, denn das zeichnet Narrative aus: sie sind nicht kompliziert, sondern einfach. Niicht schwerfällig, sondern leicht. Nur so wird es möglich, dass sich Narrative durch weitererzählen schnell verbreiten und irgendwann jede das Gefühl hat, sie habe das schon tausendmal gehört. Auch wenn Narrative recht profan daher kommen, ihre Macht darf nicht unterschätzt werden. Diese Mini-Geschichten stiften Sinn, tragen politische Botschaften, schaffen Identität oder vermitteln moralische Werte. Und so kommt es, dass der Begriff Narrativ in aller Munde ist. Ob Kommunen, Regionen oder Länder, ob Politik, Wissenschaft oder Marketing, alle fordern vehement „neue Narrative”. Meist steckt dahinter der Wunsch, alte unliebsame Narrative über sich selbst loszuwerden und neue Narrative zu prägen.

Aber kann das überhaupt gelingen? Können wir wirklich von oben (oder unten) steuern, was eine große Zahl von Menschen intuitiv als wahr erachtet? Können wir am Reißbrett eine Geschichte erfinden, die so eingängig ist, dass sie sich von selbst verbreitet und in den Köpfen festsetzt?

Auch die Teilnehmenden des Festivals diskutierten (schriftlich und mündlich) über diese Meta-Ebene der Narrativ-Suche. Drei kontroverse Positionen aus der Debatte möchte ich an dieser Stelle ohne Wertung nennen:

  • Ein Narrativ sei mehr als ein flotter Werbeslogan, bzw. lasse sich nicht durch noch so aufwändige Kampagnen erzwingen.
  • Ein Narrativ müsse professionell kommuniziert werden und einen soliden gedanklichen Überbau haben.
  • Die Diskussion über Narrative sei überflüssig und ginge an den eigentlichen Problemen des Ruhrgebiets vorbei.

Die Suche nach neuen (grünen) Narrativen für das Ruhrgebiet ist für lala.ruhr selbstredend noch nicht abgeschlossen, sie beginnt erst! Im Sinne des Open-Source-Gedankens ist jede:r eingeladen, die Landkarte der Narrative für sich zu nutzen und darauf aufzubauen. Wir freuen uns jederzeit über einen Gedankenaustausch. Schreibt uns an narrativ@lala.ruhr

Text: Matthias Krentzek, mxr storytelling, Team lala.ruhr

Wie erklärst du einem Bayern, wie sich Ruhrgebiet anfühlt? An was soll eine Berlinerin denken, wenn Sie Metropole Ruhr hört?


Werkstattbericht: Urban Re Creation – neue Bilder für innerstädtische Freiräume

werkstattbericht:
urban re creation - neue bilder
für innerstädtische
freiräume

Die Innenstädte der Ruhrgebietsmetropolen werden nach wie vor dominiert vom Individualverkehr. Hier drängt sich Auto an Auto, große Verkehrsachsen schränken Nutzungsmöglichkeiten für neue Mobilitätsformen und Aufenthalt ein. In unmittelbarer Nähe liegen häufig Fußgängerzonen, die immer weniger dem ehemaligen Anspruch als attraktive Shoppingmeile gerecht werden. Anhand von Konzepten und Best Practice-Beispielen haben Julian Altmann (Essen) und Dirk Becker (Dortmund) sich dieses Themas angenommen und mit Unterstützung des BDLA NRW neue Ansätze für zukunftsfähige innerstädtische Räume diskutiert, moderiert von Isabella de Medici (Planungsbüro DTP, BDLA).

Für die Veranstaltung urban re-creation wurde als Titel ein Wortspiel gewählt: “re-creation” von Innenstädten und Ihren Qualitäten. Die Impulse haben dies auf drei Ebenen aufgegriffen: Mit der Idee für eine Planung, einem Konzept und bereits realisierten Projekten.

Nach einem Impulsvortrag von Thomas Dietrich (Vorsitzender des BDLA NRW) zum Thema: “wie grün ist das denn?” mit Rückblicken und Ausblicken auf die Grüne Infrastruktur des Ruhrgebietes stellte Andreas Meissner vom Projektteam Emmissionsfreie Innenstadt Dortmund das Projekt  „Dortmunder Wallanlagen“ vor – heute ein fast ausschließlich vom Auto geprägter Raum, für den neue Bilder entwickelt werden. Dies geschieht unter anderem durch verschiedene Planfälle, die mit unterschiedlichen Verkehrsführungen, auch Radspuren, arbeiten.

Anhand der vorgestellten Masterarbeit des Landschaftsarchitekten Julian Altmann wurde eine Zukunftsvision für die Essener Innenstadt aufgezeigt. Seine Überlegungen zu Frischluftversorgung und Regenwassermanagement für das Zentrum endeten in einem starken Bild einer deutlich grüneren Freiraumgestaltung mit reduziertem Straßenraum – die heute achtspurige Essener Schützenbahn könnte sich so in einen Park verwandeln.

„Wenn wir immer nur vom Status Quo ausgehen, drehen wir uns im Kreis. Spuren produzieren Verkehr, Verkehr braucht Spuren. Wenn wir vier Spuren haben und bauen eine fünfte, so wird auch diese voll von Autos sein. Bauen wir dann die sechste oder muss Verkehr insgesamt neu gedacht werden?“

Bereits umgesetzte Best Practice-Projekte zum Thema “urban re-creation” präsentierte Stefan Bendiks. In seinem Vortrag lag der Schwerpunkt auf der Umsetzung und Durchsetzung gestalteter Straßenräume. Auch der Aspekt der Beteiligung und Mitnahme der Anwohner:innen wurden angesprochen. Welche Punkte bei den Projekten zu beachten und zu bedenken sind, formulierte Bendiks in Form von sechs Tricks, die in seinem Buch „Traffic Space is Public Space“ nachzulesen sind.

Die Diskussion in der mit über 60 Teilnehmenden sehr gut besuchten Veranstaltung entwickelte sich lebhaft, ausgehend von der Kernfrage: Denkt man ein Projekt zur Raumgestaltung anstatt von der Verkehrsplanung nicht besser von den Raumqualitäten aus? Dabei wurde deutlich, dass nach wie vor eine Diskrepanz besteht zwischen der Planungsrealität in den Ämtern, in der allzu oft vom Verkehr und entsprechenden Zählungen ausgegangen wird. Demgegenüber steht der Wunsch, Freiraum neu zu denken und aufzuteilen, damit zukünftig wieder vermehrt Menschen statt Autos unsere Innenstädte dominieren.

Text: Isabella de Medici
Foto: Julian Altmann

lala.ruhr ist das Labor für die Landschaft der Metropole Ruhr – eine Biennale der urbanen Landschaft!


lala.ruhr im enorm magazin

lala.ruhr
im
enorm magazin

Eine Woche ist es her, dass wir zusammen mit tollen Moderatoren, Workshopleitenden und über 280 Teilnehmenden das erste digitale Festival der Landschaft gefeiert haben. Das Feedback, auch das mediale, war riesig. Wer noch einmal nachlesen will, welche Idee hinter lala.ruhr steht und was die Landschaft des Ruhrgebiets so besonders macht, findet in der Online-Ausgabe der enorm ein Interview mit Sebastian und Melanie zum Festival und den Besonderheiten des Ruhrgebietes: „Hier ist der beste Ort, um Transformation zu erleben“. enorm versteht sich als Wirtschaftsmagazin für den gesellschaftlichen Wandel und berichtet über Unternehmen, Bewegungen und Menschen, die sich zur ökologischen und gesellschaftlichen Verantwortung bekennen.

Foto: Annette Bathen

lala.ruhr ist das Labor für die Landschaft der Metropole Ruhr!